Peter Heman: Der präzise Stadtfotograf

Die Kamera auf Schuhhöhe und Bewegung im Bild von Peter Heman

Autor: Michael Guggenheimer

«Flaneur der Präzision. Peter Heman» ist ein dreifacher hoher Buchgenuss: Peter Hemans Fotografien vom Stadtleben und von Stadtentwicklung in Basel, Peter Röllins einfühlsamer und sachkundiger Text über Leben und Werk des Fotografen Heman und die kontrast- und abwechslungsreiche Anordnung von Fotografien und Texten, mit der Roland Stieger vom Atelier TGG in St. Gallen das Buch gestaltet hat. Ein Bildband über einen Stadtfotografen, der tausende von Fotos in und von Basel aufgenommen hat und dessen Tätigkeit als Fotograf dennoch nicht auf Bilder aus Basel beschränkt blieb.

Kulturhistoriker Peter Röllin in Rapperswil ist wohl einer der besten Kenner der Industriegeschichte der Stadt St. Gallen. Sein voluminöses Buch «St. Gallen- Stadtveränderung und Stadterlebnis im 19. Jahrhundert» gilt noch heute als Referenzwerk. Das Buch wurde kurz nach seinem Erscheinen als eines der schönsten Bücher jenes Jahres gekürt. Röllin, der auch als Ausstellungsmacher tätig ist, hat mehrfach über Fotografie geschrieben. Mit dem neusten Buch, erschienen im Christoph Merian Verlag, geht er dem umfangreichen fotografischen Werk seines Onkels Peter Heman (1919-2001) nach.

Denen, die sich mit der Fotografie in Basel und mit Basler Fotografen beschäftigen, war Peter Heman vornehmlich als Architektur- und Industriefotograf bekannt. Eine von Peter Röllin im Jahr 2003 kuratierte Ausstellung im Architekturmuseum Basel hatte einen ersten Überblick in Hemans Bilderwelt gewährt. Heman hatte immer wieder für die Pharmaindustrie fotografiert, hat seine Sachaufnahmen in den Forschungslabors der Firmen Ciba, Sandoz , Geigy und Hoffmann-La Roche, gemacht. Die Bilder zu Pharmaprospekten wie Cibas Coramine,  Geigys Medomin oder Hoffman-La Roches Schlafmittel Mogadon hat er aufgenommen. Nicht wenige unter diesen Aufnahmen sind sehr kunstvoll komponiert. Für die Architekturfirma Suter+Suter war Heman in den 1950er bis 1970er Jahren der eigentliche Haufotograf, womit er zum Fotografen der neuen Architektur der Stadt schlechthin wurde. Dabei half ihm seine präzise Arbeitsweise, sein Blick für architektonische Details. Er war aber mehr als Architektur-. und Industriefotograf. Er war der Stadt Basel und ihren Menschen verbunden. Heman sei immer wieder durch Basel flaniert, seine Stadtfotos seien intuitiv und nicht planmässig entstanden, erzählte Autor Röllin an der Buchvernissage. Hemans Strassenfotografien zeigen Menschen am Rheinufer, spielende Kinder, Arbeitnehmer zu Fuss oder mit dem Rad unterwegs von der Arbeit nach Hause oder Gäste von Strassencafés.

Dass dem Architekturfotografen die industrielle Moderne wohl nicht immer lag, wird deutlich, wenn man seiner Beschäftigung mit der früheren Architektur seiner Stadt im reich dotierten Bildband folgt: Die Basler Dach- und Kaminlandschaft im Morgendunst hat er fotografisch festgehalten. In der Basler Altstadt hat er gewohnt und nicht in einem der modernen Bauten, die er fotografiert hat. Heman hat sich neben der Architekturfotografie von Industriebauten auch intensiv mit der Fotografie von Baudenkmälern befasst. Im Auftrag der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte hat er historische Bauten in Basel fotografiert. Rund tausend Fotografien alleine vom Basler Münster hat Kulturhistoriker Peter Röllin während der mehrere Jahre dauernden Aufarbeitung Hemans Bilderarchiv systematisch gesichtet und erfasst. Zu Hemans fotografischen Handschrift bei der Aufnahme von Menschen auf den Strassen gehört die beabsichtigte Unschärfe und das Hinstellen der Kamera auf Bodenniveau, womit Bilder entstanden sind, die gewissermassen Fussgänger, Radfahrer und Autos in Bewegung von unten nach oben zeigen. Davon dass ihm auch andere Wege der Fotografie offen gestanden wären, zeugen Bilder wie jenes Bild einer Frau an der Tür eines Gewächshauses im Botanischen Garten Basels, aufgenommen durch die nassfeuchte Glastür. Ein wunderbares Setting eines Modefotografen, der er hätte werden können.

Etwas Unschärfe und ein Bild von unten fotogrfaiert: Beides bringt Bewegung ins Bild von Peter Heman

Peter Heman gilt mit seinen Bildern, die in der Zeitspanne von mehreren Jahrzehnten entstanden sind, als Chronist der Basler Stadtentwicklung. Viele seiner Bilder, mit denen man der Entwicklung einzelner Stadtteile visuell nachvollziehen kann, sind von historischem Wert. Ein Reportagenfotograf , einer, der die Alltagsereignisse seiner Stadt systematisch verfolgt, war er nicht, auch wenn die Basler Fasnacht in seinem Werk vorkommt. Ebenso wenig hat er für Zeitschriften Fotos für Reportagen im Ausland gemacht. Ob dies wohl eine Erklärung dafür ist, dass er bis jetzt ausserhalb Basels zu Unrecht weniger beachtet und bekannt wurde?

Vier Teile weist das Buch über Heman auf: «Wege und Wegmarken» beginnt bei der Herkunft der aus Deutschland eingewanderten Vorfahren und zeichnet die ungewöhnliche Familiengeschichte auf. Hemans Urgrossvater war vom Judentum zum Christentum konvertiert. Hemans christlicher Grossvater war in Kontakt mit dem Zionisten Theodor Herzl gestanden. Der Buchteil mit dem Titel «Fotograf und Verleger» zeigt auf, wie Heman mit seinem Buch über die Kirche St. Martin in Zillis und ihre grossartigen bemalten romanischen Kassettendecke einen hoch erfolgreichen Longseller geschaffen hat, dem eine ganze Anzahl von weiteren Buchpublikationen gefolgt ist, dass man mit Recht auch vom Verleger Peter Heman sprechen kann.

Der Erfolg seiner Publikationen liess Heman verstärkt zum Verleger werden. Er gab Bildbände heraus, deren Illustrationen und Gestaltung er selbst übernahm; für die Texte engagierte er renommierte Fachautorinnen und -autoren. Der weitaus grösste Teil von Hemans Stadtbildern, die im Kapitel «Basel. Das Auge des Fotografen» vorgestellt werden, sind in Schwarz-Weiss aufgenommen worden. «Lyrik und Sachlichkeit. Kunst der Architekturfotografie» heisst der vierte Teil des umfangreichen Buches. Wunderbare Bilder von Kirchen und technischen Bauten aus Frankreich, Italien, Spanien und Österreich zeigen, wie weitgereist der Lokalfotograf und wie präzis und äusserst sachlich er als Fotograf war. Bei aller «Baslerei» Hemans fällt ein charmantes Detail der Buchgestaltung auf: Das wunderbare Coverbild des Buchs zeigt eine im Schnee gehende Frau im Wintermantel und kahle Bäume, aufgenommen nicht in Basel sondern auf der Zitadelle der nordfranzösischen Kleinstadt Laon. Hemans Blick reichte trotz den vielen Basler Bildern weit über Basel hinaus.

Alle drei Bilder Copyright Nachlass Peter Heman / Peter Röllin
Grosses Bild: „Opel GT“ vor dem Basler Sportstadion St.Jakob, 1976.
Erstes kleine Bild: Sonnenbaden auf Deck der „Britannia“-Anlegestelle St. Johann, Basel. Im Hintergrund das Verwaltungsgebäude der Ciba-Geigy um 1971.
Zweites kleine Bild: Berufsverkehr auf der Grenzacherstrasse in Basel. Radfahrer vor dem Hochhaus Hoffmann-La Roche., 1960.

Das Buch «Flaneur der Präzision. Peter Heman» ist im Christoph Merian Verlag erschienen. ISBN 978-3-85616 -999-2

Eingeworfen am 21.1.2024

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