Enge und weite Welt

Eine Fotoausstellung im Ausserrhoder Dorf Stein zeigt Bilder von Landschaften und Menschen in Afghanistan. Fotograf Herbert Maeder aus Rehetobel (AR) hat da wie dort intensiv fotografiert.

Stein im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Sechszehn Postbusminuten von St.Gallen entfernt. Etwas mehr als 1400 Einwohnerinnen und Einwohner. «Stein – Die Perle im Appenzellerland» heisst es auf der Homepage der Gemeinde. Eine Schaukäserei, in der sich die Herstellung des Appenzellerkäses verfolgen lässt. Und nebenan das Appenzeller Volkskunde- Museum. Zu entdecken gibt es hier eine Sammlung der regionalen Bauernmalerei und Handwerkskunst. Webstuhl und Handstickmaschine erinnern an die einst im Appenzellerland so wichtige Textilbranche. An bestimmten Tagen kann man zuschauen, wie hier an historischen Geräten textile Objekte entstehen. Dazu heisst es im Museumsprospekt: «Erleben Sie, wie im engen Webatelier Tuch für die weite Welt entstanden und daraus feine Spitze wurde».

Die weite Welt ist derzeit in einer Sonderausstellung des Museums zu sehen. «Appenzell in Afghanistan – Unterwegs mit dem Fotografen Herbert Maeder» heisst der überraschende Titel der Ausstellung. Grossformatige Bilder von Landschaften und Menschen in Afghanistan bilden einen Raumteiler im Ausstellungsraum, dahinter eine Sammlung von kleineren Fotografien in Schwarz-Weiss. Auf einem Wühltisch inmitten des Ausstellungsraums stapeln sich Fotografien im Ansichtskartenformat. Man darf sie zur Hand nehmen, man darf sich Serien zusammenstellen, man kann Bilderpaare mit Motiven erstellen, die zueinander passen und staunt: Herbert Maeder, (1930-2017), von dem eine ganze Serie von Bildbänden über das Appenzellerland und über die Alpen verlegt wurden, hat 1967 bis 1970 drei ausgedehnte Reisen durch Afghanistan unternommen. Er hat auf Bergtouren die Gipfel des Hindukusch fotografiert, hat in Dörfern und in der Hauptstadt Kabul Menschen an der Arbeit in Bildern festgehalten. Und gerade der Vergleich zwischen Maeders Bildern in der Ostschweiz und in Afghanistan macht den Reiz dieser Ausstellung aus, die das Fenster in die weite Welt öffnet.

Was man auch kann? Mit den Fotopaaren bei einem selbst zusammenstellbaren Memoryspiel verweilen. Oder auch: Man legt zwei Bergbilder nebeneinander und rätselt: Alpsteinmassiv oder Berge im Hindukusch? Maeder, als der Bergfotograf bekannt, hat mehr als bloss Berge fotografiert. Porträtbilder, Fotos von Menschengruppen und von Menschen an der Arbeit kennzeichnen ebenso seine Arbeit. Man schaut sich die Bilder der Ausstellung an und versucht herauszufinden: Appenzeller Bauern oder Hirten im Hindukusch? Man rätselt und vergleicht, entdeckt Ähnlichkeiten. Wer sich im Appenzellerland nicht gut auskennt, kann daneben treffen. Bilderpaare auch im Treppenhaus des Museums, wo die Szenografin Helen Prates de Matos über Beamer grossformatige ineinander sanft gleitende Projektionen von Bilderpaaren aus zwei Ländern zeigt: Menschen und Tiere, die über eine Brücke einen Bach oder einen Fluss überqueren. Lastenträger beim Marsch über steile Hänge, Alpaufzüge vom Tal auf die Alp. Hie Kühe, dort Kamele. Oder Schafe dort wie hier. Menschen an der Arbeit an Webstühlen hier wie dort. Musizierende beim Oudspiel oder am Hackbrett. Im Hintergrund ist Musik aus Afghanistan zu hören. Bilder von Menschen, die beisammen sitzen und sich unterhalten oder essen. Was sie von einander unterscheidet? Nicht das handwerkliche Können, eher die Ausstattung ihrer Ateliers. Hier entstehen Tücher, dort Gewänder, beide im Museum im Original zu sehen. Bäcker dort und hier.

Herbert Maeder sagte einmal: «Den Bergen gehört von Kindsbeinen an meine grosse Zuneigung». Das ist seinen Fotografien anzusehen: Schneebedeckte Hänge auf 2000 und mehr Metern Höhe, auf denen von weitem eine Gruppe von Alpinisten zu sehen ist. Felsige Klippen auf über 3000 Metern, auf denen angeseilte Bergsteiger in Afghanistan klettern. «Das Land am Säntis, die grüne Hügelwelt des Appenzellerlands ist mir zur geliebten Heimat geworden», sagte Maeder, der in Will (SG) aufgewachsen ist. Maeder, der im kleinräumigen Ausserroden gelebt hat, war weltoffen und suchte Ähnliches im Anderen. Seine Fotoreisen führten ihn nach Alaska, an den Polarkreis in Norwegen und nach den Malediven. Am beeindruckendsten neben seinen Fotografien aus der engeren Heimat sind eindeutig jene aus Afghanistan.

Ein Blick in den Ausstellungsraum in Stein

Seine Bilder hat er nicht retouchiert. Maeder, im – ungeliebten – Erstberuf Drogist, hat sich autodidaktisch und in Kursen in der Westschweiz zum Fotografen weitergebildet. Bereits mit vierzehn hatte er im Alpsteinmassiv zu klettern begonnen. Und eine Kamera hatte er schon damals dabei. Eine ganze Fotoapparate-Biografie liesse sich anhand seiner Bildformate erzählen: Von der 6 x 9 Zeiss-Ikon Klappkamera zur 6 x 6 Rolleiflex bis zur robusten und handlichen Leica, die ihn während Jahrzehnten begleitete. «Berge, Pferde und Bazare» heisst ein Bildband, der in der Ausstellung aufliegt und Maeders Afghanistan vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen, vor dem Bürgerkrieg und vor den grossen Zerstörungen zeigt. Wie sehr sich dieses Land in den letzten Jahrzehnten wegen den kriegerischen Auseinanersetzungen verändert hat, nimmt man wahr, wenn man an die Bilder denkt, die uns in den Zeitungen und am Fernsehen das heutige Afghanistan zeigen. Die Romantik von einst, die in Maeders Fotos zu sehen ist, ist der Not von heute gewichen. Ein Land, das seit langem Traumdestination von Reisenden aus der Schweiz war, ist so nicht mehr: Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart waren die ersten, die sich auf die weite Reise machten und mit Bildmaterial zurückkamen. Dass der Schweiz im Hinblick auf die Wahrung des kulturellen Erbes in Afghanistan eine besondere Rolle zukommt, wird in der Ausstellung mit den grossen Informationstafeln des „Afghanistan Instituts“ deutlich: Die grösste Bibliothek zu Afghanistan in Europa befindet sich in Bubendorf (BL). Die Bibliothek umfasst heute gegen 20 000 Titel in Farsi, Englisch, Russisch und Deutsch. Wissenschaftler, Journalisten, Studierende schauen in Bubendorf vorbei und vertiefen sich in den Werken zur Geschichte, Politik, Religion, Literatur Afghanistans, wobei die leidvolle Geschichte der Zeit der russischen Besetzung und der kriegerischen Auseinandersetzungen ebenso ein Thema ist.

«Und was fotografierst du in der Fremde?», heisst es auf einem Plakat im Ausstellungsraum. Und es folgt die Aufforderung: «Sende eine Fotografie, die du in der Fremde gemacht hast, mit ein paar Informationen an info@appenzeller-museum.ch und wir hängen sie an unserer Informationswand». Und wirklich: Da hängen schon erste Farbfotografien, die auf Reisen gemacht wurden. Sie laden ein zu Gesprächen über die Bedeutung von Fotografien im Alltag. Eine schöne Idee! Auch deshalb weil im heutigen Zeitalter der massenhaften Handyfotografie so häufig ohne Nachdenken riesige Fotosammlungen angelegt werden. Eine gute Gelegenheit zum Nachdenken über die eigenen Fotomotive, über die Funktion des Bildersammelns.

Grosses Bild von Herbert Maeder: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, © Herbert Maeder, Fotograf

«Appenzell in Afghanistan» dauert noch bis zum 30. April 2022. www.appenzeller-museum.ch  Am Sonntag, 23. Januar 2022  findet um 11.00 Uhr  eine Ausstellungsbegehung mit dem Fotografen Mäddel Fuchs statt.

Eingeworfen am 19.1.2022

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Silser Familienfotografien

Silser Familienfotografien

Autorin Barbara Liebster hat Silser Familien porträtiert, die bis ca. 1960 zugezogen sind. Als Grundlage dienten ihr...

Die Suche nach dem Filmeinwurf

Die Suche nach dem Filmeinwurf

Dies ist eine Fotogeschichte aus Bern: «Eines Abends wollte ich einen Farbdiafilm, dessen rasche Entwicklung mir am...

Fotos vom alten Kloster

Fotos vom alten Kloster

Ich habe ihn vor dem Benediktinerinnenkloster St.Johann in Müstair beim Aussteigen aus dem Auto gesehen. Eindeutig...