Nächster Fotohalt: Olten

Ein Blick in einen Ausstellungsraum in Olten

Autor: Michael Guggenheimer

Schweizer Intercityzüge tragen an der Zugspitze jeweils den Namen einer Person, einer Stadt oder Region. Eine Zugskomposition der transversalen Bahnverbindung von Romanshorn über Winterthur und Zürich mit weiteren Halten in Olten, Biel und Lausanne dürfte gelegentlich den Namen einer Fotografin oder eines Fotografen verdienen. Denn in Winterthur, Zürich, Olten, Biel und Lausanne finden sich Ausstellungsorte der Fotografie: Man kann gewissermassen auf einer einzigen Zugstrecke die wichtigsten Ausstellungsorte der Fotografie in der Schweiz bereisen. Einzig für die Fahrten nach Le Locle und Lugano müsste man wegen ihren guten Ausstellungsorten noch zwei Zusatzfahrten einplanen. Neu im losen Band der Orte ist seit kurzem Olten hinzugekommen. 

In der Altstadt von Olten, wo während 145 Jahren das Naturmuseum untergebracht war, ist nach dessen Wegzug in das moderne Haus der Museen im März dieses Jahres ein «Haus der Fotografie» entstanden. Offiziell heisst es «IPFO Haus der Fotografie». IPFO steht für International Photo Festival Olten. “The IPFO has managed, after only two editions in 2017 and 2019, to become one of the finest Photo Festivals in the International World of Photography”, heisst es etwas grossspurig in der Selbstdarstellung. Dieses Jahr wird vom 25. Bis zum 29. August die dritte Auflage des Festivals stattfinden. 

Was sich mit einigem Stolz sehen lässt, ist das neue Museum, das die Trägerorganisation des Festivals vor kurzem eröffnet hat. Eine Initiativgruppe rund um die beiden befreundeten Fotografen Marco Grob und Remo Buess hat das alte Museumsgebäude als Zwischennutzung übernommen und es zu einem Museum sanft renoviert. Die Stadt Olten stellt das Haus dem Verein IPFO während zwei Jahren mietfrei zur Verfügung. Dann soll das Gebäude saniert und modernisiert werden, um das im Nebengebäude domizilierte Kunstmuseum der Stadt aufzunehmen. In zwei Jahren wird es daher darum gehen, allenfalls für das junge Museum einen neuen Ort zu finden. 

Neue Innenwände wurden im früheren Naturmuseum eingezogen, die Räume erhielten einen frischen hellgrauen Anstrich, neue Lichtschienen wurden eingezogen. Vor kurzem hat das Haus ohne grosse Geräusche aber mit einer Ausstellung eines renommierten Fotografen seine Türen geöffnet «Infinite Deep» heisst die Ausstellung, die dem Werk des amerikanischen Starfotografen und Filmregisseurs David Lynch gewidmet ist. Es ist die allererste Ausstellung von Lynch in der Schweiz. «Ziel ist es, pro Ausstellung mindestens 5’000 Besucher zu haben und diesen Einblick in das Werk grosser Fotografen unserer Zeit zu geben. Der Besucher befasst sich in den Ausstellungen mit gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Themen», heisst es in einer Verlautbarung der Trägerorganisation. Plakate im Weltformat in anderen Städten weisen auf die erste Ausstellung des neuen Museums hin. Und die Besucher kommen! 

Drei Etagen weist das Haus der Fotografie auf. Fünf Ausstellungsteile hat die Show von Davids Lynchs Bilder. Die Hängung der Fotografien ist gelungen und grosszügig. Lynch arbeitet hauptsächlich in schwarz-Weiss und hat vor allem eine Vorliebe für das Fotografieren  von zwei Themen: Weibliche Akte und Fabriken. Distorted Nudes und Nudes heissen die Ausstellungsteile im ersten Stock, Snowmen und Factories jene im zweiten Obergeschoss. Distorted heisst übersetzt entstellt oder auch verzerrt. Die beiden Ausstellungsteile Distorted Nudes und Nudes werden wohl nicht alle Besucherinnen und Besucher ansprechen. An der Eingangstür zu diesen beiden Ausstellungsbereichen weist eine Tafel darauf hin, dass die gezeigten Bilder für Kinder nicht geeignet seien. 

Beeindruckend sind die grossformatigen Aufnahmen von stillgelegten Fabrikbauten, die unter dem Titel Factories zu sehen und in den Jahren 1986 bis 2000 entstanden sind. Die früheren Produktionsstätten stehen in New York, New Jersey, Polen, England und Deutschland. Kein einziger Mensch ist auf diesen melancholisch wirkenden und fast trostlosen Bildern in Schwarz-Weiss zu sehen. Polish Night Music heisst der Soundtrack zu diesem Ausstellungsteil, komponiert von David Lynch und Marek Zebrowski. Die Bilderserie Snowmen aus dem Jahr 1993 zeigt Vorgärten US-amerikanischer Häuser, in denen ein Schneemann vor sich hin schmilzt. Einen witzigen Einfall bei der Renovation des alten Hauses hatten die Initiatoren: In den Toiletten des Gebäudes haben sie Vitrinen mit alten Fotokameras, Belichtungsmessern, Packungen von Rollfilmen eingerichtet. Nostalgische Produkte wie von ehemals wie Agfa Clack, Agfa Isola, Silette Record, Instamatic, Ikonta und Ikoflex begegnen einen hier. 

Das frühere Naturmuseum in Olten, heute Haus der Fotografie

Ein guter Schub bei der Suche nach renommierten Fotografinnen und Fotografen im neuen Haus wird gewiss Marco Grob leisten können. Portrait- und Modefotograf Grob stammt aus Olten und lebt und arbeitet in New York. Er fotografiert für das New York Magazine und für die Zeitschriften Time, Forbes, Vogue, Cosmopolitan und Zeit-Magazin und hat eine Reihe prominenter Amerikaner porträtiert. 2007 wurde Marco Grob mit dem Hasselblad-Master ausgezeichnet. Für seine Arbeit Beyond 9/11 gewann er 2012 einen Emmy Award, einen New York Art Directors Club Gold Award und einen „Picture of the Year“ Award. Grob ist künstlerischer Leiter des neuen Hauses, der Oltner Remo Buess, mit Christoph Zehnder Co-Leiter des Museums, begleitete Marco Grob 2010 an ein Fotoshooting, wirkte als dessen Assistent und kam so selber zur Porträtfotografie. Kuratorin der ersten Ausstellung ist Nathalie Herschdorfer, Kunsthistorikerin mit dem Schwerpunkt Fotografie-Geschichte. Sie ist Direktorin des Musée des beaux-arts in Locle, Kuratorin an der Foundation for Exhibition of Photography (FEP) und am Musée de l’Elysée, Lausanne, das im Oktober dieses Jahres in einem neuen Gebäude seine Pforten öffnet. 

Haus der Fotografie
Kirchgasse 10
4600 Olten
Tel. +41 (0)62 212 86 7
www.ipfo.ch

Eingeworfen am 16.5.2021

1 Kommentar

  1. Eine Entdeckung für einen, der in Olten mal gewohnt hat und weiss, wie sehr die Stadt im Vergleich zu Solothurn leidet. Nichts als Eishockey und Bahnhöfe. Und jetzt sogar David Lynch. Das macht neugierig und regt den Halt zum Aufenthalt an. Und da wäre ja auch noch Disteli.

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