Duchamp defekt: stillgelegte Urinale

Ein stillgelegtes Urinal mit Weihnachtsstern in der Schüssel

Autor: Michael Guggenheimer

Lang ist die Liste der Ausstellungen des Künstlers Pavel Schmidt. Die Ausstellungsorte reichen von Basel, Bex und Biel bis Boston, Princeton und Jerusalem. Schmidt ist ein reisender Künstler. Seine vielen Ausstellungen haben Reisen, Hotelübernachtungen, Restaurantbesuche zur Folge. Irgendwann vor etwa fünfzehn Jahren, wo und wann es genau war, kann er nicht mehr angeben, begann Schmidt defekte Urinale zu fotografieren. 104 Fotos von Urinalen hat er in seinem kürzlich erschienenen Buch «Duchamp defekt» veröffentlicht. Und er hätte noch mehr Fotos von unbrauchbaren, stillgelegten Urinalen beisteuern können. Witzige, seltsame Bilder sind es: Mal ist’s ein Weihnachtsstern, der im Urinal weitzerwächst, ein anderes Mal ist’s eine Normdecke, die über die weisse Schüssel gestülpt wird. Aber auch passgenaue Deckel kommen zum Einsatz. Weil Schmidt ein ernsthafter und ernstzunehmender Künstler ist, weist sein Buch aber auch noch Texte zur Kunstdebatte rund um Urinale auf.

Urinale, das muss man wissen, spielten in der Kunstdebatte – und spielen immer noch – eine Rolle. Künstler und Kunst-Erneuerer Marcel Duchamp war es, der im Jahr 1917 mit der Objektbezeichnung «Fountain» ein handelsübliches Urinal aus einem Sanitätsgeschäft für die Ausstellung der Society of Independent Artists im New Yorker Grand Central Palace einreichte. Das Objekt, mit „R. Mutt“ signiert, zählt noch heute zu den viel diskutierten Schlüsselwerken der modernen Kunst. Das Original von 1917, von dem lediglich ein Fotodokument existiert, ist zwar verschollen. Es existieren aber von Duchamp autorisierte Repliken in unterschiedlichen Ausführungen, die sich weltweit in den Sammlungen namhafter Museen befinden. Duchamps Arbeit hat sogar Stefan Banz, das kürzlich verstorbene Mitglied der eidgenössischen Kunstkommission intensiv beschäftigt: Er publizierte mehrfach Arbeiten über Richard Mutt (alias Duchamp) und erforschte die Geschichte von «Fountain», über die er im Foto-Textband «Duchamp defekt» von Pavel Schmidt wieder einen Text veröffentlichte. Dass der vor über hundert Jahren in einer Kunstausstellung präsentierte Toilettenobjekt durchaus ein ernstzunehmender Gegenstand ist, beweist ein Blick ins Internet: Über 700 000 Einträge weist der Sucheintrag «Duchamp Fountain» auf. 

Maler, Zeichner, Bildhauer und Dichter Schmidt, in Bratislava geboren, in Mexiko und Biel aufgewachsen mit Atelierschwerpunkten in Solothurn und München, ist ein Sprachtalent und Sprachspieler. Wer ihn näher kennt, weiss um seine unglaublichen SMS, in denen er seine beiden Initialen von Wort zu Wort wechselnd zu ganzen Sätzen vereint, die witzig und dennoch sinnvoll sind. Wer den Künstler Schmidt kennt, weiss um sein Handy, mit dem fotografiert. Mit ganz wenigen Ausnahmen hat er die defekten Urinale mit dem Handy fotografiert, hat sie als überzeugter Anhänger der «straight photography» unbearbeitet gelassen und in eine Reihenfolge ohne Orts- und Datumsangaben gebracht, die Stéphane Fretz, den Lausanner Kunstbuchverleger von art&fiction, éditions d’artistes, auf Anhieb überzeugt hat. 

«Urinoirs sind zwar vielbesuchte Orte. Aber über sie spricht man kaum», sagt Pavel Schmidt. Gerade in den Monaten der Corona-Pandemie erhielten die Anlagen vermehrte Aufmerksamkeit: Dort, wo mehrere Urinale nebeneinander stehen, wurde jedes zweite Urinal zugedeckt oder mit rot-weissen Bändern so zugesperrt, dass man die Schüssel nicht mehr gebrauchen konnte. Pinkelnde Männer in Restaurants, in Kinos, in Sportanlagen oder Theatern sollten nicht mehr zu nah beieinander stehen, damit sie sich nicht gegenseitig beim Reden oder beim schlichten Atmen anstecken. Schmidts Fotos sind gewissermassen nebenher, neben seiner Arbeit als Plastiker und Maler entstanden. Einige Fotografien hat Schmidt noch in der Pandemiezeit fotografiert, die allermeisten bereits vorher. Und er versichert: Keine der Aufnahmen sei in einer privaten Toilette entstanden. Nie habe er als Fotograf in den vergangenen Jahren diese Orte mit System gesucht. Es war alleine die Notdurft auf Reisen in Städten, in der Eisenbahn und an Autobahnraststätten, die ihn eher zufällig an jene Orte geführt hat, in denen er beschädigte, gesperrte Urinale antraf und fotografierte. Und weil der gewitzte Künstler ein guter Beobachter ist, rügt er ein Bahnunternehmen: Wer unterwegs mit der Bahn zwischen Bern und Solothurn sei, der müsse sich bei Harndrang gedulden, denn die Bahnwaggons der RBS, der zwar pünktlichsten Bahn der Schweiz, seien nicht mit Toiletten ausgestattet, was bei einer bis zu einer Stunden dauernden Bahnfahrt nicht gerade kundenfreundlich sei. 

Beschädigte und gesperrte Schüssel hat Schmidt fotografiert. Beschädigtes kommt auch sonst häufig in seinen Arbeiten vor. Es gibt in öffentlichen und privaten Sammlungen zahlreiche Arbeiten von ihm, in denen Objekte gebrochen, zusammengesetzt, neu interpretiert zu sehen sind. Anlässlich seiner grossen Einzelausstellung im Museum Tinguely in Basel hiess es im Museumstext: «Pavel Schmidts Kunst bezieht sich teils auf die lange historische Tradition des Bildersturms, des seit der Antike bekannten Brauchtums der regierenden Schicht politische, religiöse u.a. Symbole der Vergangenheit zu zerstören, um sie durch neue zu ersetzen. In diesem Fall aber zerstört der Künstler keine Originalwerke, um sie umzufunktionieren und in einem neuen Kontext zu präsentieren. Er wendet seine Aufmerksamkeit der Zerstörung der Massenproduktion von ästhetisch legitimierten Bildern und künstlerischen Erzeugungen der griechischen Mythologie oder der Renaissance zu».

Ist das Kunst oder doch keine Kunst? Das ist eine Frage rund um Duchamps Werk. Eine Frage, die noch heute Kunsttheoretiker beschäftigt. Schmidt hat zwischen Rom und Kopenhagen, von London bis Prag die weissen Schüssel fotografiert. Kunstwerke sind sie nicht. Sein Buch ist jedoch bei allem Witz mehr als ein Gag. Die Texte im Buch und die Bilder sind anregend, indem sie auch Gelegenheit bieten, wieder über Duchamp und über eines der meistdiskutierten Kunstwerke der frühen Moderne nachzudenken. Duchamp hat Schmidt schon in seiner Gymnasialzeit ebenso beschäftigt wie Schriftsteller Franz Kafka. Demnächst erscheint bei C.H.Beck in München ein umfangreiches Buch über Kafkas bisher unbekannten Zeichnungen, das er gemeinsam mit Kafkaforscher Andreas Kilcher und der Philosophin Judith Butler  herausgibt. In Porrentruy und Paris sind Ausstellungen seiner Urinal-Fotos sowie eine Buchpräsentationen zu Duchamp defekt geplant, eine weitere in der zweisprachigen Buchhandlung Bostryche in Biel. 

Pavel Schmidt, Duchamp defekt, art&fiction, éditions d’artistes, Lausanne. Die fotos stammen aus dem besprochenen Buch.

Eingeworfen am 24.5.2021

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