Bildertage

Ein Fotoautomat, in dem man Passbilder machen kann

Autor: Michael Guggenheimer

Zweimal im Jahr gehen sie zu viert zum Fotoautomat am Bahnhof. Am 2. August und am 5. April. Das ist Tradition. Begonnen hat dieses Ritual vor 18 Jahren im August am ersten Geburtstag ihres Sohnes. Damals waren sie noch zu dritt. Und damals pressten sich die beiden Eltern zum ersten Mal mit ihrem kleinen Sohn in die enge Kabine. Die Aufnahmen mussten wiederholt werden, weil der Kleine, der vom Vater gehalten wurde, partout nicht nach vorne schauen wollte. Drei Jahre später wiederholte sich die Situation, diesmal zu viert und an einem neuen Datum, am 5. April und mit der kleinen Tochter. Und auch sie, damals an ihrem ersten Geburtstag, war erst beim dritten Versuch «fototauglich», weil sie zu unruhig war. „Bildertag“ nennen sie heute die beiden Tage. „Bildertag 1“ und „Bildertag 2“. Es mag unlogisch klingen, aber „Bildertag 1“ findet im August statt, am Geburtstag des Sohnes, „Bildertag 2“ ist im April, wenn die Tochter ihren Geburtstag feiert. Seitdem die Kinder vier Jahre alt sind, sitzen sie zusätzlich auch alleine auf dem Drehsitz in der Pronto-Fotokabine. Das Vorgehen ist seit Jahren immer gleich: Zuerst kommt das jeweilige Geburtstagskind dran, dann das andere Kind, anschliessend Mutter und Vater auf einem gemeinsamen Bild und am Schluss pressen sie sich alle in die Kabine. Im Korridor ihrer Wohnung hängen diese Automatenbilder: Je eine Reihe mit den Bildern der beiden Kinder und eine weitere Reihe mit den Viererbildern der Eltern und der beiden Kinder. Die ersten Passbilder sind alle noch in Schwarz-Weiss, irgendwann wurde der Footoautomat durch einen moderneren ersetzt und hat das Zeitalter der Farbbilder begonnen. Was aber geblieben ist, ist das Warten auf die Bilder, der seltsame Geruch der Bilderstreifen beim Herausziehen aus dem Ausgabeschlitz. Irgendwann ist die elektronische Stimme hinzugekommen, die nach Einwurf der Münzen Schritt für Schritt erklärt, wie man sich hinzusetzen und die Fotolinse anzuschauen hat. „Und wenn wir mal nicht mehr zu Hause wohnen, machen wir weiter“, hat der Sohn bei seinem letzten Geburtstag erklärt. Immer am 2. August und am 5. April. Jeder dort, wo er oder sie sich gerade befindet. Und die Bilder sollen dann zu Hause bei den Eltern im Korridor weiterhin aufgehängt werden. 

Eingeworfen am 20.1.2021

1 Kommentar

  1. Urs Faes

    Gibt es diese Automaten noch? Und dieser Bildertag ist ja geradezu die Struktur für eine eine Familiengeschichte, eine sehr schöne Idee.

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren