Ein Fotografenpaar aus Zürich

Luzzi und Michael Wolgensinger hängen eine leintuchgrosse Fotografie zum Trocknen auf einer Wäscheleine auf

Autor: Michael Guggenheimer

Dem Zürcher Fotografenpaar Luzzi und Michael Wolgensinger gilt das Fotobuch «Mit vier Augen». Das Buch hat einen Preis für seine Gestaltung gewonnen.

Im Wettbewerb um den deutschen Fotobuchpreis werden besondere Leistungen von Fotografen, Verfassern und Herausgebern von Fotobüchern gewürdigt, die eine fotografische Aufgabenstellung besonders gut gelöst haben. Das Prädikat „Deutscher Fotobuchpreis – Preisträger“ ist in der Fotobranche inzwischen gleichbedeutend mit „besonders wertvoll“. Die Gewinnertitel zeichnen sich durch eine hohe fotografische Qualität, eine besondere fototechnische Leistung, einen herausragenden ästhetischen Gesamteindruck und eine hochwertige Buchproduktion aus. Acht Kategorien weist der Preis auf. In diesem Jahr gingen gleich zwei Preise an den Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess. In der Kategorie Fotogeschichte der Band «Aenne Biermann. Fotografin» und in der Kategorie Fotografen das grossformatige Fotobuch «Mit vier Augen», in dem das Zürcher Fotoatelier Luzzi und Michael Wolgensinger vorgestellt wird. Gestaltet haben das preisgekrönte Buch Valeria Bonin und Diego Bontognali vom Zürcher Atelier bonbon, die 2017 den Jan-Tschichold-Preis, die höchste Schweizer Auszeichnung für Buchgestalter und neben anderen Auszeichnungen im Jahr 2014 im internationalen Wettbewerb «Schönste Bücher aus aller Welt» die Goldene Letter an der Leipziger Buchmesse erhalten haben. 

Was das prämierte Buch attraktiv macht? Zum Beispiel die Tatsache, dass es nicht chronologisch aufgebaut ist und den beiden Lebensläufen folgt, sondern den einzelnen thematischen Arbeitsfeldern in der Arbeit des Fotografenpaars. Dazu der Titel des Buchs: «Mit vier Augen», mit dem die gemeinsame Arbeit der beiden Fotografen charakterisiert wird. Zwar war Michael Wolgensinger (1913 – 1990) als Fotograf in der Öffentlichkeit bekannter als seine Frau Luzzi (1915 – 2002). In einem schönen Text würdigt Lea Wolgensinger, Tochter des Fotografenpaars, die Arbeit ihrer Mutter: «Klein Bild verliess das Fotoatelier Wolgensinger, ohne von Luzzi abgesegnet worden zu sein. Für meinen Vater war das eine grosse Entlastung, es gab ihm die Möglichkeit, das Atelier für auswärtige Arbeiten zu verlassen». Luzzi Wolgensinger hatte an der Fotoklasse der Zürcher Kunstgewerbeschule bei Hans Finsler studiert. Michael Wolgensinger war Privatassistent von Finsler. In ihrem gemeinsamen Atelier wiederum war Fotograf Robert Frank während des Zweiten Weltkrieges Lehrling. Und was das Buch auch auszeichnet: die Abwechslung im Format der rund 200 präsentierten Bilder, von denen ein Grossteil bis anhin nicht zu sehen waren. Mal doppelseitig oder ganzseitig, dann wieder mehrere kleinere Reproduktionen sind die Bilder angeordnet, beim Durchblättern kommt so keine Monotonie der immer gleichen Formate auf. In ihren Texte beleuchten die vier Buchautoren Werk und Leben der beiden Wolgensingers aus verschiedenen Blickwinkeln und erlangen damit Bilder, die sehr lebendig wirken. 

Wie breitgefächert Wolgensingers Arbeiten waren, zeigt bereits die Einteilung des Buchs: Reisefotografie, Theaterfotografie, Fotografie von unterschiedlichen Objekten für die Werbung, Industriefotografie und Architekturfotografie. Tausende von Fotos haben Lea Wolgensinger und Balz Strasser sowie die Lektorin Nadine Olonetzky für das Buch gesichtet, viele Bilder sind zum allerersten Mal im Buch zu sehen. Michael Wolgensingers Reisebilder aus Indien, Siam und Nepal, die im Silvaverlag im Sammelopunktsystem erschienen sind, haben grosse Auflagen erlebt und haben wesentlich dazu beigetragen, das Bild dieser damals fernen Länder in den späten 50er und 60er Jahren in der Schweiz mitzuprägen. Zum Bekanntheit der Fotos trug aber auch die Verbreitung der Publikumszeitschriften bei, die gerne grosse Fotoreportagen veröffentlichten. Michael Wolgensingers Arbeiten fanden aber nicht nur im Ausland statt. Er beschäftigte sich immer wieder mit der Dokumentation einzelner Gebäude und ganzer Baukomplexe in Zürich. Das Stadtspital Triemlil, die Migroszentrale Herdern, die Siedlung Heiligfeld mit den ersten Hochhäusern der Stadt oder das Hallenbad Ciity hat er fotografiert. Noch wirken diese Bauten in jener Zeit fast als Solitäre in der Landschaft. 

Im Buch sind Fotoalben, Ringbücher und Kontaktbogen, Fotos der Ateliers der Wolgensingers sowie der «Dunkelkammern» zu sehen. Menschen an der Arbeit galt ein Teil der Fotografie Michael Wolgensingers. Die fotografierten Arbeitsplätze von damals, die im Buch zu sehen sind, insbesondere diejenigen in der Industrie, unterscheiden sich deutlich von den heutigen. In seiner Werbefotografie ist der Einfluss Finslers und seiner Neuen Sachlichkeit deutlich sichtbar. Über den Auftrag während der Dreharbeiten für Leopold Lindtbergs Film Füsilier Wipf die Stills zu machen, kamen Wolgensingers auch zur Filmfotografie. Kunsthistoriker Guido Magnaguagno schreibt im letzten Kapitel: «Ihre eigene Existenzform kreiste um die Fotografie: Die unzähligen Kameras waren ihre Arbeitsgeräte, das Atelier und Labor ihr Lebensmittelpunkt, das Auto und Flugzeug ihre Transportmittel, im Fokus standen immer der Mensch und seine Dinge». 

Im grossen Bild: Michael und Luzzi Wolgensinger hängen grossformatige Fotos, die sie entwickelt haben, zum Trocknen an die Leine. Im kleinen Bild eine Zeitungsfotografie Michael Wolgensingers.

Das Fotoatelier Luzi und Michael Wolgensinger «Mit vier Augen», Herausgegeben von Lea Wolgensinger und Balz Strasser. Mit Beiträgen von Katharina Lang, Guido Magnaguagno und Lea Wolgensinger, erschienen im Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich. 

Eingeworfen am 2.6.2021

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