Fotogramme zur Zeit

Zwei Fotogramm-Collagen von Eleni Trupis

Autor: Michael Guggenheimer

Seit 2002 betreibt Jörg Stübing an der quirligen Louisenstrasse in der Dresdner Neustadt einen literarischen Buchladen mit dem Namen Büchers Best. Stübings Laden, zwei Räume voller Bücher, ein Büroraum und eine Küche, weist knappe 35 Quadratmeter auf. Ich bin nicht der Einzige, der findet, Büchers Best sei wirklich der beste Buchladen Dresdens.

Früher betrieb Stübing in Dresden eine Kunstgalerie. Geblieben ist sein Interesse an der Bildenden Kunst. Er schafft es, im kleinen Hauptraum der Buchhandlung oberhalb der dicht gefüllten Büchergestelle und knapp unter der Decke regelmässig Bilder von Künstlerinnen und Künstlern auszustellen. Bei meinem ersten Besuch bei Büchers Best im März 2020 entdeckte ich Fotogramm-Collagen der Dresdner Künstlerin Eleni Trupis. Es war eine Faszination auf den ersten Blick. Und ein spontaner Kauf dreier Collagen, die eine vielschichtige, kulturwissenschaftlich-philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema Medizin darstellen. Es sind Collagen im Format 24 x 30 cm.

Wenn ich ein Bild kaufe, dann kenne ich stets die Künstlerin oder den Künstler. Und dieses Mal? Am Tag nachdem ich Eleni Trupis Bilder zum ersten Mal gesehen habe, wurde in der Schweiz der Lockdown ausgerufen. Ich befürchtete, dass ich bei zu später Rückkehr in Quarantäne müsste und hatte daher keine Zeit mehr, um mich mit der Künstlerin zu treffen. Die drei Fotogramme (zwei sind hier abgebildet) blieben in Dresden in der Obhut von Freunden. Erst anderthalb Jahre später trafen sie bei mir in Zürich ein. Ich gebe zu: Im ersten Moment waren sie mir fremd. Aber bereits nach einem Tag wusste ich, was mich an ihnen so spontan fasziniert hatte.

Ich besitze mehrere grossformatige Bilder von Fotografen. Ein Flugfeld irgendwo in der Wüste, starke Bremsspuren von Militär-Jets auf einer Betonpiste, in der Ferne nur weisser Sand und blauer Himmel. Es ist eine Fotografie von Naomi Leshem, über deren Fotografien ich geschrieben habe. Oder zwei plakatgrosse Fotomontagen vom viel zu früh verstorbenen Fotografen Jean-Pascal Imsand, auf denen eine Füllfeder aus dem Meer zu steigen scheint oder ein fliegendes Buch mit offenen, im Wind flatternden Seiten über zischenden Wellen zu sehen ist. Jean Pascal Imsand habe ich im Rahmen meiner Arbeit mehrmals getroffen. Und dann noch eine mehrere Meter lange Fotografienfolge von Wolfgang Straub, eine Spiegelung im Oberlicht des Padiglionedellibro Electa Editore von James Stirling in den Giardini der Biennale von Venedig, ein faszinierendes Licht- und Schattenspiel, in dem Natur und Architektur verschmelzen. Noch hängt Straubs lange Fotografie nicht, keine Wand meiner Wohnung ist lang genug. Als ich im Museum für Fotografie in Görlitz war, sah ich einen Oberlicht-Ausstellungsraum, in dem auf der Länge von 18 Metern die Arbeit Straubs gut Platz finden könnte.

Kurz nachdem die drei Fotogramm-Collagen von Eleni Trupis bei mir ankamen, hatte ich Gelegenheit, sie in ihrem Atelier im Hecht-Viertel in der Dresdner Neustadt kennenzulernen. Ihr Atelier ein ehemaliger Laden in einem Gründerzeithaus, an den Wänden hängen und auf dem Boden liegen Fotografien, Collagen, Fotobücher, Kataloge und Geschriebenes. Neben ihrer eigenen künstlerischen Tätigkeit arbeitet die postgraduierte Meisterschülerin der Studienrichtung Medienkunst der Hochschule für Bildende Künste Dresden als freiberufliche Kunstwissenschaftlerin und Mediendesignerin unter anderem in der künstlerischen Hochschullehre und im «Archiv der Avantgarden» (AdA) der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Das AdA enthält eine der umfangreichsten Sammlungen von Kunstwerken, Dokumenten und Büchern der künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts, zusammengetragen seit den späten 1960er Jahren von Egidio Marzona. Im AdA werden die Spuren der künstlerischen Ideen, der zahlreichen radikalen Utopien und die erstaunliche Vernetzung der Künstler untereinander sichtbar.

Die drei Fotogramme von Eleni Trupis, die mich in der Buchhandlung so sehr angesprochen hatten, gehören zu einer Bilderserie mit dem Namen Lyrica. Blisterfolien für Tabletten, Kanülen, Einwegpackungen für Tropfen, Spritzen in Grau- und Schwarztönen sind auf ihnen zu sehen, der Bildhintergrund ist je nach Arbeit Hellgelb oder rötlich, die Objekte liegen verstreut. In ihrer Broschüre zu den Fotografien von Eleni Trupis schreibt Kunsthistorikerin und Kuratorin Verena Schneider: «Lyrica ist auch der Handelsname für ein pharmazeutisches Präparat, das als Antikonvulsivum bei der Indikation von Epilepsie, neuralgischen Schmerzen oder Angststörungen verabreicht wird. Als Titel der gesamten Werkgruppe erscheint Lyrica daher zunächst wie ein ambivalentes Heilsversprechen, das in der westlichen Gesellschaft von Glauben an die Allmacht der evidenzbasierten Medizin getragen wird». Eleni Trupis begann im Jahr 2009 mit medizinischen Objekten zu arbeiten. Kurz zuvor war ihr Vater gestorben. Körperlichkeit, Krankheit, Heilung beschäftigten sie damals. Elf Jahre später mit dem Auftreten der Pandemie werden die Fragen rund um die Anwendungen der pharmazeutischen Produkte wieder aktuell, passt die Arbeit zur Zeit.

Die Künstlerin <eleni Trupis in ihrem Atelier

Es ist kaum ein Zufall, dass Eleni Trupis der Werkgruppe den Namen Lyrica gab. Und es hat mehr mit ihren anderen Tätigkeiten zu tun als nur der Name eines Heilmittels. Dichtung und Musik spielen in ihrer Künstlerinnenbiografie eine Rolle. Eleni Trupis hat Liedtexte und Musik für Musik-Performances komponiert. Die Arbeiten der Bilderserie Lyrica sind zu einer Zeit entstanden, da sprach noch niemand von Pandemie, Corona oder Covid 19. Vielleicht gerade deswegen haben mich diese Fotogramme berührt, da ich sie zum ersten Mal in einer Zeit sah, in der die Massenmedien voll von Nachrichten zur Pandemie waren und die Mittel, die gegen Covid entwickelt wurden und auf die gewartet wurde, noch kaum eingesetzt wurden.

Fotogramm ist eine bis in die 1830er Jahre zurückreichende Gestaltungsmethode durch die partielle direkte Belichtung von lichtempfindlichen Materialien wie Film oder Fotopapier im Kontaktverfahren. Im Gegensatz zur Fotografie oder Luminografie wird dabei keine Kamera benutzt. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind unglaublich vielfältig. «Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstandene Technik des Fotogramms», so Verena Schneider in ihrem Text zur Fotoserie Lyrica, «bei der empfindliche Bildträger direkt belichtet werden, entdeckten Künstler wie Christian Schad und Man Ray seit den 1910er Jahren als eigeständiges künstlerisches Ausdrucksmittel». «Je nach Belichtungszeit treten die Gegenstände nach dem Entwickeln erkennbar hervor, erscheinen als Schattenrisse oder ornamenthafte grafische Linien und Punkte. Demnächst sollen die drei Fotogramme bei mir an einer Wand ihren Platz finden.

Die Broschüre Lyrica mit Fotogrammen von Eleni Trupis und einem Text von Verena Schneider kann bei info@elenitrupis.de bezogen werden.

Eingeworfen am 30.08.2021

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