Vom Viewmaster zum Optiviewer

Eine Frau betrachtet Dias durch einen Viewmaster

Autor: Michael Guggenheimer

Man muss schon über 50 Jahre alt sein, um sich an Viewmaster zu erinnern, die in den 50er Jahren eine grosse Verbreitung gefunden haben. In meiner Grundschulzeit gab es Mitschüler, die einen Viewmaster besassen. Der Onkel aus Amerika oder die Eltern, die zu Besuch in den Staaten waren, hatten diese Geräte mitgebracht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass im Rijksmuseum Amsterdam Viewmaster-Dia-Pappscheiben zu kaufen waren, auf denen Bilder von Rembrandt, Frans Hals oder Ruysdael zu sehen waren.

Viewmaster waren aus Plastik hergestellte Betrachtungsgeräte für stereoskopische Fotos, die als kleine Dias auf einer runden Pappscheibe aufgebracht waren. Entwickelt wurde der Viewmaster in den USA etwa 1939 als Unterhaltungssystem für zuhause. Mit dem rechten Zeigefinger klickte man einen kleinen Griff nach unten, womit sich die Scheibe ruckartig zum nächsten Doppelbild bewegte. Viewmaster haben zwei Gucklöcher mit kleinen Linsen, sie wurden direkt vor die Augen gehalten. Am besten kamen die Dias zur Geltung, wenn man den Viewmaster gegen das Licht einer Lampe hielt, spätere teurere Modelle hatten sogar eine batteriebetriebene Leuchte eingebaut.

Ich selber besass nie einen Viewmaster. Aber ich hatte Freunde, bei denen ich manchmal einzelne Bildserien anschauen durfte. Die Drehscheiben meiner Kindheit zeigten Bilder von touristischen Zielen wie Paris oder London. Der Stolz meiner Freunde waren die Scheiben mit Fotos von schneebedeckten Bergen, von Königsschlössern oder Scheiben, die eine Geschichte in Bildern erzählten. Robin Hood war ein Held mehrerer Drehscheiben ebenso Richard Löwenherz.

Viewmaster richtete sich aber nicht nur an Kinder: Das Angebot an Bildscheiben war sehr breit. Um 1961 standen 140 Titel zur Verfügung mit mehr als nur einem Bilderrad. Manche Themen wurden in sieben und mehr Bildrädern verhandelt. Die Scheiben zeigten Bilder aus Kinofilmen und Fernsehserien oder sie erzählen Bildgeschichten. Es gab aber auch medizinische Lehrbücher auf Viewmaster Bildrädern. Das größte Werk, der Stereoscopic Atlas of Human Anatomy, enthielt 221 Bildscheiben mit zusammen 1554 farbigen Abbildungen des menschlichen Körpers und richtete sich an Medizinstudenten! In der DDR hieß ein ähnliches System, das Viewmaster abgeschaut war, Stereomat, in der Tschechoslowakei produzierte der Hersteller Meopta in den 1960er bis 1980er Jahren mehrere Varianten eines Viewmaster-ähnlichen Meoskop sowie dazu passende Stereo-Kameras.

ein Nachfolgemodell von Viemaster aus Griechenland

Mit dem Aufkommen neuer Bildträger und Bildmedien landete Viewmaster endgültig im Kinder-Spielzeugsortiment der Marke Fisher-Price. Mit einem neuen Look und verbesserten optischen Eigenschaften wird heute in Kunstmuseen und Spielzeugläden der aus Griechenland stammende Optiviewer verkauft! Das Verkaufspaket, das ich kürzlich im Kunstmuseum Basel gesehen habe, einhielt zwei Bildrollen zu den Themen Wild Savanna und Ocean Blue. Seine Masse: 12 x 7 x 9 cm. Viewmaster begegnet man heute selten beim Auflösen eines Haushalts oder in einem Laden für technische und fotografische Secondhand-Objekte. Amazon, eBay und Riccardo bieten immer wieder alte View-Master zum Verkauf an.

Eingeworfen am 28.7.2020

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