Dienstmagd Agatha

Muri im Kanton Aargau. Im Museum des alten Klosters.

Wie sie dasteht. Eine Frau weder alt noch jung. Die Schultern herabhängend, einen Rock hat sie an, eine Schürze und eine kurzärmelige Jacke. Es ist kein Sonntagsrock. Ein Bild von früher. Wohl aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich stelle mir vor, dass die Frau, die mich anschaut, zwischen 30 und 40 Jahre alt ist. Sie wohnt auf dem Land und muss in einem Hof aushelfen. Sie könnte auch eine Arbeiterin vom nahen Textilwerk sein. Oder eine Dienstmagd auf einem der benachbarten Bauernhöfe. Müde ist sie. In der Linken hält sie einen Strauss roter Blumen. Für wen hat sie diese Blumen gepflückt oder gekauft? Es ist ein sommerlich warmer Tag. Im Hintergrund sind Bäume zu erkennen, es könnten Apfelbäume sein. Ich nenne diese Frau Agathe. Oder Agatha. Das klingt noch etwas ältlicher. Agatha hat keinen Mann gefunden. Sie wäre gerne Mutter geworden. Kein Mann hat sie gefunden. Sie steht auf einer Wiese, vielleicht neben dem Wohnhaus ihrer Eltern oder neben dem Hof ihrer Arbeitgeber. Sie steht still und darf sich nicht bewegen. Sie schaut nach vorn, sieht den Fotografen hinter der sperrig grossen Kamera, die auf einem dreibeinigen Stativ steht. Der Kopf des Fotografen ist unter einem schwarzen Tuch versteckt, jetztt macht er mit der rechten eine Geste nach oben. Keine Bewegung! Ich stelle mir vor, dass der Bauer den Wanderfotografen bestellt hat. Sein ältester Sohn ist vor einigen Jahren nach Amerika ausgewandert. Ihm wollen die Eltern Fotos von sich und vom Hof und von den Tieren im Stall schicken. Und ein Bild von der Magd, eine Fotografie von Agatha gehört dazu. Er soll zurückkommen und den Hof übernehmen. Agatha ist frei. Sie ist arbeitsam und willig. Er könnte sie heiraten. Sie ahnen nicht, dass er in Amerika bleiben wird. Agatha ist die letzte, die heute noch fotografiert wird. Sie musste lange warten. Sie steht da und weiss nicht, wie sie sich hinstellen soll. Und sie weiss nicht, weshalb sie heute fotografiert wird. Sie ist müde vom langen Arbeitstag und es fällt ihr nicht leicht, sich vorzustellen, wie der Sohn ihrer Arbeitgeber in Amerika lebt. Agatha war noch nie im Ausland. Ein einziges Mal war sie in der grossen Stadt. Mehr nicht, weiter weg nicht. Die Fotografie wird sie nicht zu sehen bekommen. Der Bauer hat die Familienfotos in einen Umschlag gesteckt und abgeschickt. Ich stelle mir vor, dass 110 Jahre später eine andere Frau beim Aufräumen im Dachgeschoss die Glasplatte gefunden hat, die der Fotograf für diese Aufnahme benutzt hat. Keiner weiss mehr, wer die Frau im Bild  ist. Sie haben sie zuerst einfach «sie» genannt, ihr später den Namen Agatha gegeben. Tante Agatha, die nie geheiratet hat, eine Dienstmagd in einem Hof. Das hätte so sein können. So stellen sie sich das vor.

Marianna Gostner, aus dem Südtirol stammende und in der Schweiz lebende Künstlerin, hat 2024 per Fototransfer auf Leinen dieses Bild im Format 200 x 85 cm – es könnte ein Gedenktuch sein – hergestellt und im Kloster Muri im Rahmen der Ausstellung «Venus von Muri – eine Spurensuche» ausgestellt. Ich stelle mir die Geschichte vor, die zu diesem Bild gehört.

Eingeworfen am 28.5.2024

1 Kommentar

  1. Danke für die schöne Geschichte.

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