Alpinisten unterwegs im Atlas

Eine hochformatige schwarzweisse Fotografie. Gefunden beim Aufräumen des Kellers zwischen alten Bilderalben in einer Schuhschachtel voller Fotografien.

Eine Gruppe von acht Männern und einer Frau. Eine Person fällt am meisten auf. Ein Araber. Ein dunkelhäutiger Mann. Vielleicht ein Berber? Ein Einheimischer! Er steht etwas abseits, hat einen langen Umhang an. Die anderen Männer tragen Westen und Sakkos. Es muss damals noch eine zehnte Person zu dieser Gruppe gehört haben. Eine Fotografin oder ein Fotograf. Was ich nicht sehe: Ein Stativ, darauf das schwere Kameragehäuse aus Holz. Der Fotograf hat der Gruppe eingeschärft, sich keinesfalls zu bewegen. Jetzt steckt sein Kopf unter einem schwarzen Tuch. Kurz sehen sie ihn nicht, aber er sieht sie. Klick!

Der Einheimische wohl ein Guide. Es muss ein sonnenreicher Tag gewesen ein. Die Gruppe posiert auf einem aufgeschichteten Steinhaufen. Zwei Männer lehnen sich stehend an den Steinhaufen, die anderen sitzen, alle blicken sie zur Kamera. Niemand, der einen Rucksack trägt. Ein Tagesausflug also?

Erst beim zweiten Hinschauen entdeckte ich die einzige Teilnehmerin. Sie trägt einen Rock. Sie ist die einzige Person auf dem Bild, die lächelt. Die Männer blicken alle ernst drein. Auf der Rückseite der Fotografie fehlen Jahreszahl und Name des Fotografen ebenso wie die Namen der Fotografierten. Mit Bleistift hat jemand die beiden Worte Dschebel Mekter geschrieben. Ich nehme also an, dass die Aufnahme an dem Ort mit Namen Djebel Mekter entstanden ist. Wieviel später nach der Exkursion wurden wohl die beiden Worte geschrieben?

Dschebel ist die arabische Bezeichnung für Berg oder Gebirge. Die Schreibweise Dschebel deutet darauf hin, dass die Gruppe – oder zumindest der Eigentümer dieser Fotografie – aus einem deutschsprachigen Gebiet stammt. Engländer und Franzosen schreiben nämlich Djebel mit j und nicht mit sch. Im alles wissenden Internet kommt ein Berg Djebel Mekter vor: 1405 Meter hoch. In einigen Beschreibungen sind es 1524 Meter, ein Berg im Atlasgebirge in Algerien, in der Wüstenregion El Bayadh. Ein Bild, das auf dem Berggipfel gemacht wurde? Solche Steinhaufen habe ich schon anderswo auf Berggipfel gesehen. Wer es bis hier schafft, der wird fotografiert.

Sind es Forscher? Entdeckungsreisende? Naturliebhaber? Wüstenfreunde? Wissenschaftler? Abenteurer? Oder bloss Ausflügler?

Im Internet empfiehlt sich Amin Benfatta als «Local Guide» für das Atlasgebirge und präsentiert sechs Fotos von der Gegend des Djebel Mekter, auf einigen Aufnahmen ist sogar Schnee zu sehen. Es kann sehr kalt werden in der Wüste im Westen Algeriens unweit der Grenze zu Marokko. Auf einem der Bilder von Guide Benfatta ist ein Wolf zu sehen.

Djebel Mekter liegt unweit vom Weiler El Hendjur und vom Dorf Moghrar, von dem das allwissende www sagt, es liege in der Provinz Naama und zähle 4430 Einwohner. Die wenigen Fotos vom Djebel Mekter, die im Internet zu sehen sind, zeigen eine aride Landschaft, felsige Anhöhen, wenige Sträucher. Ich suche im Netz nach Reisen nach Algerien und lande beim Reisebüro Indigo Reisen, das Kamel- und Wandertouren im Süden Algeriens anbietet, südlicher jedenfalls als der Djebel Mekter liegt.

Indigo Reisen in Ostermundigen preist etwa 120 Jahre nachdem die Aufnahme der neun Männer und der einen Frau gemacht wurde eine seiner algerischen Wüstentouren mit den folgenden Stichworten an: «Diese Tour kann während des ganzen Jahres durchgeführt werden. Phantastische Skyline, sandige, breite Täler, Felskolosse aus Granit und Basalt, vulkanische Gebirge in atemberaubenden Formationen».

Ich stelle mir vor, wie europäische Touristen nach Alger fliegen und von dort mit dem klimatisierten Bus oder in geländegängigen Fahrzeigen nach Moghrar zum Ausgangspunkt einer Wüstenwanderung und Bergbesteigung gefahren werden. Wie sieht wohl ihre Ausrüstung aus? Mobile Telefone, GPS-Geräte, Kameras, Teleobjektive, Feldstecher, Bergschuhe, Goretex Wanderjacken aus dem Trekking Shop: Die Teilnehmer sind sportlich-neumodisch gekleidet.

«Nirgends finden sich so viele verschiedene Wüstenlandschaften: Berge, Felsplateau, Canyons, Oueds, Wasserstellen, Dünen, Oasen wie in Algerien», preist das Reisebüro sein Algerienprogramm an.  Ein Blick auf das Bild von den acht Herren und der einen Dame zeigt Personen in Stadtkleidern. Einer hat eine Krawatte an, ein anderer eine Fliege. Die Ketten von zwei Taschenuhren sind noch zu sehen. Die Kleidung weist auf eine Wanderung, die vor hundert oder hundertzwanzig Jahren stattgefunden haben könnte. Ob die Wanderung wohl eher einem Spaziergang geglichen hat? Ich stelle mir vor, dass die Kleider dieser Gruppe grau sind, vielleicht hellbraun. Höchstens die Kopfbedeckungen stammen aus Algerien, wahrscheinlich Strohhüte, die aussehen wie umgekippte Suppenteller. Sie sind eigens für die Tour auf den Djebel Mekter angeschafft worden. Ein Mann, auch er etwas distanziert stehend, hat einen anderen Hut an. Weshalb wohl?

Wüstenlandschaft in der Umgebung von Djebel Mekter

Ich nehme an, dass die Wanderstöcke bereits bei Spaziergängen und Wanderungen in Europa benutzt worden sind. Vielleicht sind auf dem einen oder anderen Wanderstock Metallmarken angebracht, die beweisen sollen, dass die Herren schon auf den Grossglockner, in St. Moritz oder auf der Kleinen Scheidegg waren. Das Bild hat jahrzehntelang in einer Schachtel im Keller eines Hauses im schweizerischen Burgdorf gelegen, weshalb ich annehme, dass es sich bei der Reisegruppe um Menschen aus der Schweiz gehandelt haben könnte. Im Hochsommer kann das Bild nicht aufgenommen worden sein. Die Dame und ihre Begleiter hätten dann in diesen Kleidern unter der grellen Sonne arg gelitten.

Algerien. Ich weiss praktisch nichts über Nordafrikareisen von Schweizern in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Höchstens das: Paul Klee und seine Malerfreunde August Macke und Louis Moilliet brachen damals nach Nordafrika auf, um neue Motive zu finden. Ihre Tunisreise war ein aufregender Ausflug in eine exotische Welt aus Licht und Farbe. In den Gassen und Gärten von Tunis bis Kairouan stießen die Künstler auf dekorative Elemente. Sie fanden die Muster, die sie faszinierten, in den Ornamenten, die Häuser, Torbögen und Gartentore zierten. In Algerien waren die drei Maler nicht. Wollten diese neun Männer und die eine Frau aus der Deutschschweiz auch die Exotik Nordafrikas entdecken und erleben?

Nochjmals: Ich gehe also davon aus, dass die Gruppe auf dem Djebel Mekter aus der Schweiz kam. Es könnten aber auch Schweizer mit Wohnsitz in Algerien gewesen sein. Von Frankreich begünstigt, gab es nämlich eine schweizerische Auswanderung nach Algerien ab den 1830er Jahren. Auswanderer waren vor allem in der Landwirtschaft, insbesondere im Tabak- und Rebbau sowie im Handel tätig. 1842 errichtete die Eidgenossenschaft in Algier ein Konsulat. Später kamen Vize-Konsulate in Oran und in Philippeville hinzu. Zwischen 1859 und 1886 stieg die Anzahl der Schweizer in Algerien von 1734 Personen auf 3404. Und dann gab es in all den Jahren nicht wenige Fremdenlegionäre aus der Schweiz in Algerien.

Ich suche weiter im Netz und finde heraus: Verschiedene Vereine, insbesondere der 1872 in Algier gegründete Helvetische Wohltätigkeitsverein (Société Hélvetique de Bienfaisance), entwickelten rege Aktivitäten. Ich bleibe bei der Fotografie, zu der mir niemand weitere Anhaben machen kann. Ich lege jetzt fest, dass es sich bei der Gruppe um Schweizer handelt, die eine Bergbesteigung in Algerien unternommen haben. Es könnten aber auch die Mitglieder des Club Alpin Suisse-Algérie auf einem ihrer Ausflüge gewesen sein. Unten im Tal warten die Kamele, der Risebus oder die beiden Autos, mit denen die Gruppe zum nächsten Dorf, zur nächsten Wüstenstrasse und dann nach Alger gebracht werden. Den Club Alpin Suisse-Algérie gibt es schon lange nicht mehr. Im Netz finden sich auch keine Hinweise auf den Club. So wie es kaum Schweizer mehr in Algerien gibt. Ich schau mir das Bild nochmals genau an und muss mich entscheiden: Entweder es handelt sich bei dieser Gruppe um Reisende aus der Schweiz oder es sind in Algerien wohnhafte Schweizer. Ich entscheide mich für die zweite Variante. Ich bin so frei. Denn niemand kennt die Bergbesteiger, nirgendwo ist ein Name vermerkt und kann Widerspruch kommen. Ich beschliesse, es seien Schweizer Kaufleute aus Alger. Mitglieder des Club Alpin auf Jahresausflug. Jedes Jahr einen anderen Djebel besteigend. Das soll nicht stimmen? Wer behauptet das?

Eingeworfen am 20.2.2023

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