Ein Tal als Thema

Eine Blechhütte, nicht mehr genutzt, steht irgendwo im Val Lumnezia

Autor: Michael Guggenheimer

«Ich kann gar nicht aufhören, das Thema wird mich immer begleiten». Das sagt Sandro Livio Straube, der seit dem Jahr 2015 das Bündner Bergtal Val Lumnezia erwandert und fotografisch erforscht. Das Tal ist sein Thema.

«wild» heisst der Titel der diesjährigen Ausstellung der IG Halle im Museum Kunstzeughaus Rapperswil, zu der Kurator Guido Baumgartner den Architekten und Fotografen Straube eingeladen hat. Wild?, ist man versucht zu fragen. Was ist denn wild an den Bildern von Straube aus der Val Lumnezia , dem «Tal des Lichts»? Man schaut sich Bild für Bild an und es wird von Bild zu Bild deutlicher: Die Natur leistet Widerstand, sie holt sich ihren Besitz zurück, sie behauptet sich. Es sind unglaublich präzis fotografierte Details, die Straube auf seinen Wanderungen im Tal mit der Kamera festhält. In einem kleinen Erinnerungsbild, – oder ist’s eher eine Votivtafel? – das vor Jahren oder eher Jahrzehnten an einem Baum festgenagelt wurde, haben sich Baumnadeln und Blätter festgesetzt, sie trotzen dem Wind, sie bedecken das Bild, niemand, der das dem Regen und der Sonne ausgesetzte Bild der jungen Frau (oder ist es Maria?) reinigen würde. Nicht anders das Bild eines längst verlassenen und vergessenen Hauses: Aus dem Fenster der ehemaligen Stube weht ein alter Vorhang. Das Fenster ist offen, das Haus leer. Hier wohnt niemand mehr, hier weht der Wind wild ins Haus und durchs Haus hindurch. Oder das Bild eines alten Wohnwagens am Waldrand: Wer hat ihn dort hingestellt und wann? Hat sich da ein Städter einen Ort ausgesucht, an dem sich niemand um sein altes Gefährt kümmern würde? Was wird aus diesem entsorgten mobilen Heim? Wann wird dieser Wohnwagen bei Wind, Wetter und Sonneneinstrahlung zerfallen?

Straubes Fotografien bergen Fragen, lösen Geschichten aus. An einem Hang kleine weisse Textilreste an dünnen Hölzern festgemacht, seit langem stecken sie in der Erde. Welche Funktion hatten sie, wer hat sie hier vergessen? Die Stoffe wirken zerrissen, vom Sonnenlicht gebleicht. Die Sonnenstrahlen in den Bergen bleichen. Oder das Bild einer Hütte aus Blechelementen irgendwo im Tal. Keiner mehr, der sie benutzt, keine Türe, die sich öffnen liesse, Rost setzt an. Bilder des Wandels, Bilder von zurückgelassenen, vergessenen Objekten. Dinge werden in diesem stillen Tal stehengelassen. Menschen kommen auf den Fotografien Straubes keine vor. Einziges Lebewesen ist ein verschüchtertes Reh, das den Fotografen verwundert anschaut. Die Spuren der Menschen aber sind auf den Bildern zu sehen. Die barocken Kirchen und Kapellen des Tals zeigt der Fotograf aus unerwarteten Blickwinkeln. Die Kapelle mit ihrem Glockenreiter von hinten und nicht von der nahen befahrenen Strasse her. Was zur Folge hat, dass Einheimische beim Betrachten der Fotografie sich zuerst kurz überlegen müssen, wo diese Kapelle wohl stehe. Dominant immer wieder das Wetter in diesem sonnigen Tal, in dem der Nebel Hänge und Häuser verhüllen kann.

Mysteriöse Fahnen im Feld. Mal hingesetzt und stehen gelassen.

Sandro Straube kennt das Tal, das er in einer Bilderserie mit dem Titel Berge bleichen versehen hat. Er kennt es seit seiner Kindheit, weil er mit den Eltern hier regelmässig Ferien und Wochenenden verbracht hat. Und so sehr fühlt er sich dem Tal verbunden, dass er sich entschlossen hat, seinen Wohnsitz von der Stadt ins Gebirge zu verlegen. Aus dem Sehnsuchtsort wurde sein Wohnort. Als Diplomassistent arbeitet er Teilzeit an der ETH. Der Rest der Zeit gilt fotografischen Projekten und architektonischen Entwurfsarbeiten. Straube kundschaftet das Tal aus, versucht Veränderungen, Vertrautes und stille Details in der Landschaft oder an der gebauten Umgebung zu entdecken. Als Unterländer, der die Unruhe der Stadt kennt, liebt er die Stille dieses Tals, durch das eine einzige Strasse bis ans Talende zum Dorf Vrin führt. Kein Tunnel führt von hier aus in den Süden. Das Tal eine Sackgasse, die man nur wandernd in den Süden fortsetzen kann. Weiterfahren kann man hier nicht, Durchgangsverkehr kennt das Tal nicht.

«Den Schattenseiten der Zivilisation stellt Sandro Livio Straube eine Ästhetik der Vergänglichkeit gegenüber, die den Ehrgeiz und die bisweilen zweifelhaften Errungenschaften des Menschen relativiert», charakterisiert Ausstellungskurator Guido Baumgartner die Bilder aus dem Val Lumnezia. «In der fotografischen Serie Berge bleichen zeigt er Orte und Dinge, die sich selbst überlassen sind und damit auch den Betrachter für einen Moment vom Druck befreien, etwas sein zu müssen». Und Straube ergänzt: «Die Farben verbleichen in der Sonne dieses Tals. Auch die Geschichten verbleichen». Die Vergänglichkeit als Thema ist in seinen Fotografien erlebbar. Befragt nach seinen Kameras gibt Straube zu verstehen, dass er heute weniger streng mit sich sei: Er fotografiert mit Mittelformatkameras, benutzt Filme und fotografiert auch mit digitalen Kameras.

Eingeworfen am 24.1.2023

Die Bilderfolge Berge bleichen ist bis zum 5. Februar im Museum Kunstzeughaus an der Schönbodenstrasse 1 in 8640 Rapperswil zu sehen. Zudem auf https://www.sandroliviostraube.com/ Beide Fotografien auf dieser Seite von Sandro Livio Straube. Informationen zur sehenswerten Ausstellung „wild“ hier: www.ighalle.ch

2 Kommentare

  1. Lieber Michael, Du erzählst in deinen „Filmeinwürfen“ kurze Geschichten über Fotografen und Fotografien so, dass man Lust bekommt, hinzugehen und Ausstellungen sowie das Fotografierte zu besuchen. Du zeigst, wie Fotos zum Weiterdenken und sich Sich-Einfühlen in fremde Welten anregen. Dein „Filmeinwurf“ ist ein Schatzkasten und eine Wundertüte zugleich. Ich schau hin und wieder hinein und bin jedesmal überrascht, was du alles findest und was du dazu zu sagen weisst. Die empathischen Fotos von Sandro Livio Straube hätte ich ohne deinen Filmeinwurf nicht kennegelernt. Er öffnet mir die Augen für eine Lumnezia, die ich so zu wenig wahrgennommen habe, obwohl ich dort viel unterwegs war.
    Cordial salid, Bernard C

    Antworten
  2. Als Kind war ich in Vrin in den Ferien. Jeden Abend war da das Rosenkranzgebet. Ich durfte jeden Abend die Glocken mit dem Glockenseil läuten, was sehr schön war. Wir haben viele Wanderungen gemacht, eine davon hörte einfach nicht auf. Immer, wenn wir auf einer Anhöhe ankamen und dachten, wir seien auf dem Gipfel, standen wir vor einem nächsten grünen Berg.

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