Fotogeschichten in Vevey

Zwei inhaftierrte Frauen. Fotografiert von Bettina Rheims

Autor: Michael Guggenheimer

Ankommen in Vevey. Stadt am Genfersee. Die Stadt von Nestlé. Stadt von Charlie Chaplin. Fotostadt wegen ihres Fotoapparatemuseums. Stadt der alle zwei Jahre stattfindenden «Images Vevey». Vor dem Bahnhofsgebäude ein knallig gelbes Schalterhäuschen, hier wird ein Stadtplan mit den Standorten der Ausstellungsobjekte verteilt. Und schon wird klar, ich bin zu weit gegangen, muss zurück ins Gebäude, zwei Stockwerke hinauf über eine Metalltreppe zu «L’Appartement». Hier werden während des ganzen Jahres fotokünstlerische Arbeiten gezeigt. Vevey macht sich neben Lausanne immer mehr zu einer Fotostadt. «L’Appartement»: Mehrere Räume diesmal mit Fotografien der Niederländerin Bertien van Manen. Schöne Räume, in denen vor Jahrzehnten Eisenbahner ihre Fahrtpausen verbracht haben. «Give Me your Image» heisst der Beitrag. Ich kenne diese Herangehensweise von Van Manen: Als ich in Tel Aviv direkt gegenüber dem Habima Theater mehrmals die Wohnung einer Israelin, die gerade in den USA weilte, mieten konnte, öffnete ich ihre Fotoalben, die ich im Büchergestell fand und sah mich im Privatleben der Wohnungsbesitzerin um. Van Manen hat auf ihren Reisen den privaten Raum ihrer Gastgeber betreten, zurückhaltender als ich und künstlerischer: Bei jedem Aufenthalt hat sie Ausschau gehalten nach den persönlichen Fotografien ihrer Gastgeber und sie fotografiert. «Kleine, heimlich eingefangene Hausaltäre» seien ihre Fotografien, heisst es im Katalog. Menschen blicken uns aus Bilderrahmen an, Arrangements auf Sideboards, in Buchregalen, auf Nachttischen.

Nochmals rausgehen aus dem Bahnhofsgebäude. Gleich auf der anderen Strassenseite in einer kleinen Grünanlage grossformatige Bilder von Martin Parr. Man kennt diese Bilder, auf denen Menschen in Liegestühlen, auf Campingmöbeln neben ihrem geparkten Auto und hart an der Fahrbahn einer vielbefahrenen Strasse ein Nickerchen machen oder picknicken. Aber in Vevey ist’s anders: Neben jedem grossformatigen Bild von Parr ist ein zweites angebracht: Das gleiche Motiv, wenn auch anderswo und von einer anderen Fotrografin oder einem anderen Fotografen aufgenommen. Welche Fotografie hat Parr aufgenommen, welche ist nicht von ihm. Bildbetrachter, die sich nicht kennen, kommen ins Gespräch, man einigt sich schnell und ist doch nicht jedesmal wirklich sicher.

Gespräche mit anderen Besucherinnen und Besuchern von Images Vevey kennzeichnen dieses Herbstfestival. Und noch etwas anderes: Es sind die Stadtspaziergänge. Die einzelnen Fotoarbeiten sind über das Gebiet der ganzen Innenstadt verteilt. Man geht mit dem Stadtplan in der Hand von einem Objekt zum anderen, eine empfohlene Route gibt es nicht, so dass man an verschiedenen Orten andere Fotobegeisterte antrifft, die schon andere Arbeiten gesehen haben. Man empfiehlt gegenseitig einzelne Arbeiten, relativiert andere. Und nebenher lernt man eine charmante Stadt kennen, von der man bisher nur wusste, dass ein riesiger Lebensmittelkonzern und der berühmte Clown zu ihr gehören.

Gegenüber vom Bahnhof die erste riesige Arbeit von Thomas Struth. Die Fassade des Doms von Mailand bedeckt die hohe Hausfassade der Banque Cantonale Vaudoise. Es ist nicht die einzige Monumentalfotografie von Struth in Vevey. Wäre sie die einzige geblieben, ich hätte sie spannend gefunden. Hat man den Vorplatz an der Rue de la Gare überquert, kommt die Qual der Wahl: Der Stadtplan weist Fotoarbeiten in drei Richtungen. Wiedersehen nach Jahrzehnten mit Fotografien und Videos von Boris Mikhailov. Ich erinnere mich an Bilder von ihm, die eine Traurigkeit aus der ehemaligen Sowjetunion zeigten. In Vevey zeigt der Ukrainer Mikhailov überlagerte Bilder, Doppelbelichtungen. Auslöser dieser Serie war ein Zufall mit einer analogen Kamera. Poetische Bilder sind ihm gelungen, gezeigt in einer ehemaligen Metallwerkstatt.

Ankommen an der Grande Place, die sich zum Genfersee öffnet (Ja, ich weiss, die Waadtländer mögen den deutschsprachigen Namen des Sees nicht, für sie ist’s der Lac Léman). Es finden derzeit keine Wahlen in der Schweiz statt und doch hängen hier Wahlplakate. Daniel Mayrit, spanischer Fotograf, hat grossformatige Wahlplakate hergestellt, auf denen stets er zu sehen ist. Er als Kandidat. «One of Yours» heisst sein Beitrag. Mayrit hat die Gesten populistischer Politiker genau studiert und ahmt sie nach. Mal meint man Putin zu sehen, ein anderes Mal ist’s Orban oder Goebbels, Marine Le Pen oder Donald Trump. Man geht von einem Plakat zum anderen und realisiert, dass man wenige Minuten vorher noch wirklich gedacht hat, hier würden demnächst Kommunalwahlen stattfinden und der Mann auf den Plakaten sei ein Kandidat. Mayrit setzt Zeichen, er warnt vor den Gesten und Sätzen populistischer Politiker!

Überwältigend die Stimmung in der Kirche Sainte-Claire. Bänke und Stuhlreihen sind ausgeräumt worden. Metallgestelle füllen den Kirchenraum aus. Frauengesichter blicken uns an, junge und ältere Frauen. Eindringliche grossformatige Porträtfotografien. Die Vornamen der Frauen am unteren Bildrand, auf der Rückseite nochmals der Name und Aufnahmedatum von Hand mit einem dicken Filzstift geschrieben. Es ist die Handschrift der französischen Fotografin Bettina Rheims. Alle Frauen, die uns da anschauen sind Inhaftierte. Man schaut sie an und es ist klar: Einem Gesicht sieht man nicht an, ob jemand gestohlen, betrogen, gemordet oder jemanden verletzt hat. Vorne auf dem Pult des Pfarrers das Buch «Détenues» mit den Bildern, erschienen bei Gallimard. Eine Stille herrscht in der Kirche. Ein Beitrag, der unglaublich gut in diesen sakralen Raum passt.

Wenige Schritte weiter im Parc du Panorama Deanna Dikemans Beitrag «Leaving and Waving». Eine lange Reihe von Fotografien hängt an einer Holzkonstruktion zwischen zwei hohen Bäumen. Man geht diesen Bildern entlang, auf denen stets die gleiche Situation in vielen Varianten zu sehen ist. Die Eltern der amerikanischen Fotografin schauen ihre Tochter an, die bei ihnen zu Besuch war und sich jetzt verabschiedet. Sie winken ihrer Tochter zum Abschied. Während Jahren hat Deanna Diekeman diese Abschiede immer wieder fotografiert. Und man sieht deutlich, wie ihre Eltern älter und alt werden, wie sie mit der Zeit schwächer wirken. Irgendwann stützt sich der Vater auf einen Stock, dann blickt er so, dass man den Eindruck hat, er sei jetzt dement, und dann steht nur noch die Mutter vor der Garageneinfahrt, ihr Mann ist gestorben. Gegen Schluss der langen und faszinierenden Bilderfolge ist’s Diekmans Sohn, der seine Grossmutter stützen muss. Zum Schluss dann das Bild der geschlossenen Garage, vor der keine Mutter mehr steht und winkt. Ich schaue mir diese Bilder an und denke, ich hätte eine solche Arbeit auch machen können, sei aber nie auf die Idee gekommen, meine Eltern, meine Kinder oder meine Enkelkinder über Jahre in derselben Situation zu fotografieren. Schade.

Überhaupt diese Rückbezüge auf sich selbst. Ist das eine Eigenschaft zeitgenössischer Fotografie? Mir fällt das ein bei Michele Siblionis Arbeit im Théatre de Verdure ein. Ein Betonbau, von dem einem nicht klar ist, ob es einst auch mal als Bunker oder Umkleideort für Sportler gedient hat. Ein gedrungener Bau, eine Treppe führt nach unten, es ist dunkel im Bau, grünes Licht dominiert, man geht durch einen Gang und hört das Gesumme von Insekten. Ich erinnere mich, wie wir als Schüler in Tel Aviv Heuschrecken einsammelten, die wir bei einer Sammelstelle gegen ein kleines Entgelt abgeben konnten. Der Italiener Sublioni hat in Uganda nachts Insektenjäger fotografiert, die die Insekten mit Flutlicht anlocken und einsammeln, sie in grosse Säcke stopfen und sie verkaufen. Offenbar eine Delikatesse. Unglaublich schön die Nahaufnahmen, faszinierend die Videos: vor lauter grünen Insekten tauchen die engen Ausstellungsgänge in eine grüne Farbe. Zudem hört man das Rauschen, Zirpen, Flügeln der Insekten, die da zu Tausenden herangeflogen kommen.

Deanna Dikemans Beitrag im Parc du Panorama

Images Vevey ist weitläufig und doch überschaubar. Einen Tag benötigt man für die gesamte Schau. Und es sind noch mehr Arbeiten als die hier herausgepickten Beispiele. Wie Shirana Shahbazi die Fassade eines modernen Bürogebäudes fotografisch-farbig eingepackt hat, hat mich beeindruckt. Die Fotografien von Anastasia Samoylova  am Aufgang zum Restaurant des Museums Alimentarium: «Breakfasts» heisst der Beitrag. Die russisch-amerikanische Fotografin bringt Lieblingsfotos aus Coffee Table Books und Teile ihres Frühstücks passend zum Ort spielerisch zusammen. Teju Coles Arbeit «Fernweh» hätte ich an einen anderen Ort und nicht mit Ausblick auf See und Berge platziert. Marina Abramovics Arbeit «The Lovers. The Great Wall Walk» empfand ich als eine Luxusarbeit: Acht Jahre nach ihrer Trennung erhielten die Künstlerin und ihr früherer Partner Ulay die Erlaubnis die Chinesische Mauer zu begehen. «Nach 90 Tagen «einsamer Wanderung» treffen sich die beiden in der Mitte der Grossen Mauer. Dass die beiden stets top gekleidet sind, keinen Rucksack tragen, gemütlich unterwegs sind, deutet auf eine Luxus-«Wanderung» hin, gar gekünstelt.

Innovativ Dominique Teufens «May Travel Through The World On My Copy Machine”, eine Arbeit, die mich im Kunstzeughaus Rapperswil schon fasziniert hat. Man kann die in Zürich lebende Dominique Teufen gewissermassen auch als Landschaftsfotografin bezeichnen. Eine Bildkünstlerin, die spektakuläre Bergfotos macht, ohne in die Berge hinausfahren zu müssen. Doch was hat es mit den Bergbildern auf sich, die nicht in den Bergen entstanden sind. Papierfetzen, Silberfolien, Wattefetzen, Staub und andere Materialien legt Domique Teufen auf der A 3 grossen Glasfläche einer Kopiermaschine. Sie ordnet sie, büschelt sie, schiebt sie und sortiert sie wieder neu, kopiert erste Resultate und ergänzt, verändert, gliedert das Material wieder und wieder neu zusammen, bis sie mit dem fotokopierten Bild zufrieden ist, es mit der Kamera abfotografiert, vergrössert und auf grössere Formate anpasst und ausdruckt. Jedes Bergbild ist das Resultat viel stündiger Arbeit, vieler Versuche, in denen Grautöne, Weissflächen, dunkle Schatten und Spiegelungen entstehen. Die Berge und Hügel, die Flusslandschaften und Uferpartien von Dominique Teufen entstehen auf die Glasplatte ihres Fotokopiergeräts und dann nochmals hinter den Linsen ihrer Kamera. Neue Landschaften, die es so nicht gibt und die doch existieren, sind da zu sehen.

Ich habe nicht alle Beiträge von Images Vevey gesehen, wohl weil ich immer wieder hängengeblieben bin, mitunter auch Vevey entdeckte. In zwei Jahren komme ich wieder. Jedenfalls habe ich mir das vorgenommen!

Eingeworfen am 20.9.2022

Images Vevey bis 25. 9. 2022. Und wieder im Jahr 2024. Das grosse Bild aus der Kirche Sainte Claire mit Details aus Bettina Rheims Arbeit. Das kleine Bild: Deanna Dikemans Arbeit im Parc du Panorama.

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