Eine Bildlegende schafft Klarheit

Zwei Hotels streiten sich darüber, wo die Verfassung der Weimarer Republik unterschrieben worden sei. Entscheidet eine Bildlegende in einem Buch wirklich darüber?

 «In diesem Gebäude unterzeichnete am 11. August 1919 der damalige Reichspräsident Friedrich Ebert die Weimarer Verfassung». Dieser Satz steht auf einer Metallplatte, die an der Fassade des Hotels Schwarzaburg in der Ortschaft Schwarzburg in Thüringen angebracht ist. An Reichspräsident Friedrich Ebert wird im Tal der Schwarza mehrfach mit Gedenktafeln und Denkmälern erinnert. Denn hier – und weder in Berlin oder Weimar – haben Ebert und seine Minister das wichtige Dokument unterschrieben. Friedrich Eberts Name ist deshalb auch in mehr als einer Ortschaft der Region als Strassenname anzutreffen.

Schwarzburg heisst der Ort, Schwarza der Fluss und Schwarzaburg das Hotel mit wunderbarer Rundsicht auf die dicht bewaldeten Hügel des Thüringer Walds. Irma und Viktor Zierat, Besitzer des Hotels, haben auf einem Tisch im Frühstücksraum ihres Gästehauses Jörg Sobiellas voluminöses Buch «Weimar 1919. Der lange Weg zur Demokratie» aufgelegt. Daneben liegen fein drapiert eine Seite der Lokalzeitung vom 22. April 2022 sowie ein weiteres Buch über die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in Deutschland und ein Gästebuch mit handgeschriebenen Sätzen und Zeichnungen zufriedener Hotelgäste. Auf der Zeitungsseite sind die Hotelbesitzer zu sehen. Gemeinsam halten sie das Gästebuch, eine Unterschrift oder gar ein ganzer Satz des damaligen Reichspräsidenten findet sich allerdings nicht im Buch. Denn so weit zurück reicht das Buch nicht. Grund für den Zeitungsbericht ist der Entscheid der beiden Rheinländer, den Gastbetrieb aufzugeben.

Zwar weiss man mit Bestimmtheit, dass in Schwarzburg die Unterschrift unter das Dokument gesetzt wurde, aber ein Festakt oder eine Zeremonie sind nicht überliefert, was mit der Bescheidenheit des Sozialdemokraten Ebert zusammenhängen könnte. Die Verfassung der Weimarer Republik, in manchen ihrer Artikel nicht minder fortschrittlich als die Verfassung der Bundesrepublik, wurde wirklich im stillen Tal der Schwarza unterschrieben. Die erste deutsche Demokratie müsste eigentlich nach dem idyllischen Urlaubsort im Thüringer Wald heißen, meinte Journalist Christian Wisel vom Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Weshalb die Unterzeichnung im damals 600 Einwohner zählenden Dorf erfolgt ist? Reichpräsident Ebert wollte sich und seiner Familie nach dem langen Ringen um die Formulierungen der Verfassung geruhsame Ferientage gönnen. Und Schwarzburg und einige benachbarte Dörfer galten damals als eine ebenso gern aufgesuchte Feriengegend wie die Ostseeküste. Der Begriff «Sommerfrische» gehört zu den Orten des Schwarzatals mit ihren Holzbalkonen, auf denen die Fremdengäste aus der Stadt gerne sassen und die Ruhe und frische Landluft genossen.

Weil die privaten Akten von Friedrich Ebert bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurden, fehlen einige Unterlagen, die bei der Unterzeichnung eine Rolle gespielt haben. Mit ihnen untergegangen ist das Wissen, wo genau die Unterzeichnung in Schwarzburg stattgefunden hat. Am 31. Juli 1919 wurde in Weimar die Verfassung durch die Nationalversammlung angenommen. Wenige Tage später trafen weitere Regierungsmitglieder zum Erholungsurlaub in Schwarzburg ein. Am 11. August 1919 war das Kabinett vollzählig anwesend. An diesem Tag unterschrieben Reichspräsident Ebert und nach ihm alle Minister in Schwarzburg die erste demokratische Verfassung in Deutschland, die Weimarer Verfassung.

Es entsprach ganz der auch später gepflegten bescheidenen Amtsführung Friedrich Eberts, dass die Verfassungsunterzeichnung ohne großen Pomp verlief. Alles erfolgte ohne Zeremoniell, ohne nachhaltige Feierlichkeiten und sorgte daher auch für kein Aufsehen in der Öffentlichkeit. Die Presse nahm kaum Notiz von diesem Verfassungsakt. Man weiß nicht, wo genau in Schwarzburg Ebert die per Kurier überbrachte Verfassung unterschrieb. Mutmassungen ranken sich um den Unterzeichnungsort. War es das Hotel »Weißer Hirsch« oder die damals noch dazugehörige Villa »Schwarzaburg« gegenüber, die der Präsident mit seiner Familie bewohnte? Oder erfolgte die Unterzeichnung gar im Freien? Sicher ist, wo es gewiss nicht geschah – im unweit gelegenen Schloss von Schwarzburg.

Das grosse leerstehende Hotel "Weisser Hirsch"

Lange Jahre behaupteten die Besitzer der beiden Hotels «Zum weissen Hirsch» und «Schwarzaburg» , dass dieser politisch bedeutsame Akt der Unterzeichnung in ihrem Haus stattgefunden hat. Die Besitzer des Hotels „Weisser Hirsch“ waren felsenfest davon überzeugt, dass die Zeremonie in einem Raum ihres grossen Hotels, dem ersten Haus am Ort, stattgefunden hätte. Nicht weniger davon überzeugt waren aber auch die Besitzer des in Sichtweite gelegenen intimeren Hotel „Schwarzaburg“. Dazu muss man wissen, dass das Haus des Hotels „Schwarzaburg“ zu jener Zeit eine Art Dependance des Hotels „Weisser Hirsch“ war. Aber das ist schon lange her. Mittlerweile ist das grosse Gebäude des „Weissen Hirschs“ leergeräumt, ist das Hotel geschlossen. Und die „Schwarzaburg“ ist seit kurzem zum Verkauf ausgeschrieben.

Was das alle mit einem Blog zur Fotografie zu tun hat? Es ist erstaunlich, dass vom Akt der Unterzeichnung keinerlei Bilder und kaum andere dokumentarische Zeugnisse existieren. Jahrelang suchten Schwarzaburg-Besitzer Irma und Viktor Zierat in Archiven nach Unterlagen, die den Raum zeigen könnten, in dem die Unterschrift des Reichskanzlers stattgefunden haben könnte. Und jahrelang behaupteten die Besitzer Weissen Hirschen, der politische Akt könne einzig in ihrem Haus stattgefunden haben. Den Ausschlag hat eine Bildlegende in einem Buch gegeben. Gefunden in einem Gedenkbuch an Friedrich Ebert aus dem Jahr 1925, das die Zierats in Bad Blankenburg gefunden haben. Auf Seite 269 ist ein Bild ihres Hotels zu sehen und darunter die Bildlegende, auf der steht, dass Friedrich Ebert im Haus Schwarzaburg die Verfassung der Weimarer Republik unterschrieben habe. Mehr Beweis gibt es nicht. Die Gedenktafel an der Hauswand ist somit aus ihrer Sicht berechtigt. Und da das grosse Hotel Weisser Hirsch geschlossen ist, ist niemand mehr da, der ihnen die Berechtigung zum Anbringen der Gedenktafel strittig machen würde. Das Aussenbild eines Gebäudes hat entschieden. Aber ganz gesichert ist das ganze nun auch nicht. Weiter warten also auf ein neues, anderes Bild….

Auf dem grossen Bild das Haus, von dem es heisst, hier sei die Verfassung unterschrieben worden. Auf dem kleinen Bild das grössere Haus, dessen Besitzer meinten, hier sei die Weimarer Verfassung unterschrieben worden.

Eingeworfen am 29.8.2022

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