Tschakalaka in Saudi Arabien

Fotograf Faris Al Saady stellt in Zürich eine Auswahl seiner Fotografien aus. Kuratiert hat die Ausstellung Fotografin Naomi Leshem. Was so speziell daran ist? Einerseits die Bilder. Und dann die beiden Personen: Er lebt in Saudi Arabien, sie in Israel. Unmöglich? Möglich!

Als Fotograf Faris Al Saady aus Saudi Arabien in Zürich das Restaurant Kindli betritt, geht er direkt auf Fotografin Naomi Leshem aus Israel zu. Eine herzliche Begrüssung, lautes Lachen: die beiden kennen sich seit drei Jahren, sitzen sich jeden Sonntag anderthalb Stunden vor dem Bildschirm gegenüber, sind sich aber noch nie leibhaftig begegnet. Wie denn auch? Sie lebt bei Tel Aviv, er lebt in der saudischen Hafenstadt Dschidda. Israeli dürfen in Saudi Arabien nicht einreisen, Saudische Staatsbürger nicht in Israel. Die Kontakte der beiden beweisen es: Kultur kann Grenzen überwinden, ein Dialog zwischen Bürgern verfeindeter Länder kann ernsthaft und herzlich sein. Und beide können voneinander viel lernen.

Faris Al Saady ist in diesen Tagen 38 Jahre alt geworden. Just an seinem Geburtstag wird in der Galerie zum Lindenhof seine dritte Fotoausstellung, die erste in Europa, eröffnet. Demnächst folgt in Paris eine zweite. Kuratorin dieser Ausstellungen und zweier weiterer in Saudi Arabien ist Naomi Leshem. Der Kontakt der beiden ist über Bilder von Fotografin Leshem zustande gekommen: In Paris wurden ihre grossformatigen Fotos einer Serie mit dem Titel «Runways» an einer Auktion angeboten. Von den Bildern beeindruckt, kaufte der fotobegeisterte AlSaady gleich die ganze Serie bestehend aus neun Fotografien ohne zu wissen, wo Fotografin Leshem lebt. Und weil er über die Fotografin mehr erfahren wollte, suchte er ihre Koordinaten, nahm per Email mit ihr Kontakt auf und staunte nicht schlecht, dass seine Mail ausgerechnet in Israel landete.

Naomi Leshem ist israelisch-schweizerische Doppelbürgerin. Al Saady wurde in der Schweiz geboren. Eher zufällig zwar als seine Eltern in der Schweiz einen Sommerurlaub verbrachten. Im Alter von neun Tagen hörte seine helvetische Biografie auf. Sein perfektes Englisch hat er an der American School in seiner saudischen Heimatstadt erlernt, die Eloquenz in Französisch stammt aus der Studienzeit  an der Uni in Paris . Bis zu dem Zeitpunkt da er an Covid erkrankte, war er zu 100 Prozent in der Geschäftswelt tätig: Vertretung französischer Firmen in Saudi Arabien und die Mitarbeit an einem Baukonsortium. Corona brachte die Wende, hatte zur Folge, dass er sich vornahm, sich auch anderem zuzuwenden, sich nicht nur noch beruflich zu verausgaben . Al Saady, der Gedichte und Erzählungen verfasst, entdeckte die Fotografie, durchlief den Weg von der Smartphonekamera zu einer einfachen Kleinformatkamera von Sony bis hin zur Leica M10, mit der er heute fotografiert. Und was wesentlich seinen fotografischen Weg prägte und immer noch prägt, sind die Kontakte zur Fotografin Naomi Leshem. Die ersten Mailwechsel führten zu Dialogen über Fotografie, fotografische Themen und Techniken. Aus den Mails entwickelte sich der Kontakt über Zoom und mit einem Mal wurde die Fotografin und Dozentin für Fotografie aus Tel Aviv seine Anregerin, Mentorin, Herausfordererin und Kuratorin. Wie wichtig ihm Fotografie in der Zeit von Covid war, fasst AlSaady so zusammen: «Die Beschäftigung mit Fotografie trug mich in den vergangenen zwei Jahren».

«Ich stellte ihm erste fotografische Themen, um zu erfassen, wie er seine Umgebung sieht, wie er fotografiert, was er wahrnimmt», sagt Naomi Leshem. «Wir besprachen diese Bilder am Bildschirm und so entwickelte Al Saady seine Bildthemen selber. Noch immer besprechen wir die Bilder und wir beide lernen dabei allerhand über gesellschaftliche Konventionen und Gebräuche in beiden Ländern, über Kultur dort wie hier». Drei Jahre lang kannten sich die beiden vom Bildschirm her, bis es am 1. August 2022 in Zürich zur ersten physischen Begegnung kommen konnte.

Al Saady fotografiert hauptsächlich in Saudi Arabien. Auf die Frage, ob seine Fotos etwas typisch Saudisches an sich haben, denkt er nach und meint: Nein. Faris Al Saady arbeitet in Bilderserien. Die Themen seiner Bilderreihen lauten: the soul (of the town) , construction, underwater oder outdoors. Und wenn man sie genau anschaut, wird immer wieder der Wandel der saudischen Gesellschaft sichtbar. Auf einem Bild (grosses Bild hier oben) sind Felsen in der Vorstadt von Mekka zu sehen, die gesprengt werden, weil hier eine neue Grossüberbauung in Sichtweite von Abraj Al Bait, Mekkas Clocktower, entsteht. Oder auf einem anderen Bild: eine Gruppe farbiger Häuser auf dem Weg von Dschidda nach Mekka, die vor wenigen Monaten noch gestanden haben, jetzt aber alle auf Geheiss der Regierung abgerissen wurden, weil hier eine neue Siedlung entsteht. Schaut man das Bild, auf dem kein einziger Mensch zu sehen ist, genau an (kleines Bild) sieht man an einer der blauen Türen einen Brotsack. Es ist frühmorgens und das gelieferte Brot wurde noch nicht eingeholt. Ja, noch leben hier Menschen. Manche Bilder von Faris AlSaady haben er und seine Kuratorin zu Diptychen zusammengestellt oder einander in Vierergruppen entgegengestellt. So jene beiden Bilder von der Schnellstrasse von Mekka nach Taif. Auf dem einen Bild ist eine lange Kolonne von Kamelen auf der Fahrbahn zu sehen. Auf einem anderen ist die leere Schnellstrasse, die in einer hohen Felsenmauer zu enden scheint.

Häuser einer Siedlung, die es nicht mehr gibt. Hier entstehen neuen Wohnbauten

M24 heisst eine Bilderserie. Zwei Jahre oder 24 Monate Zeit hat sich Al Saady insgesamt für sie genommen, noch ist sie nicht fertiggestellt ist:  Jeden Monat fotografiert er auf einer grossen Baustelle, jedes Mal unter einem anderen Gesichtspunkt, jedes Mal aus einer anderen Warte. Mal sind es die Arbeiter, ein anderes Mal der Kontrast zwischen Felsen und den Betonmauern, es können die Maschinen sein oder das Innenleben der Bausstelle. Seine beiden ersten Fotoausstellungen in Saudi Arabien galten der Altstadt von Dschidda, die er bis auf kleine Details gut kennt. „Tschakalaka“ ist der Titel einer Fotografie. Zu sehen ist da eine enge Strasse in Dscheddas Altstadt, historische Häuser und die Spuren einer rasenden Fahrt eines Polizeifahrzeugs, erkennbar nur an der Lichtspuren der Blau- und Rotlichter. „Tschakalaka“ ist der hebräische Slangausdruck für Blaulicht an Polizei- oder Feuerwehrfahrzeugen , der Naomi Leshem beim Betrachten des Bildes eingefallen ist. Sie war bereits seine Ausstellungskuratorin in Dschedda ohne jemals in der Galerie gewesen zu sein. Er schickte ihr Bilder von den jeweiligen Galerieräumen, sie besass die Masse der Wände und gemeinsam entschieden sie, wo welches Bild aufgehängt werden soll.

Auch die Ausstellung in Zürich hat sie kuratiert. Wie es zur Ausstellung in Zürich kam? Naomi Leshem hat in Zürich in der früheren Galerie von Sylva Denzler und im Kunstzeughaus in Rapperswil ausgestellt. Zwei Bücher über ihre Arbeit als Fotografin sind bei Schweizer Verlagen erschienen. Zudem ist sie immer wieder zu Besuch in dem Land, in dem ihr Vater grossgeworden ist. In einem Gespräch mit der Besitzerin der Galerie am Lindenhof in der Zürcher Altstadt ergab sich die Möglichkeit, eine Auswahl von Bildern von Faris AlSaady zu zeigen. Wie es weitergeht? Ende September eine Ausstellung in Paris. Und gerne würde Faris AlSaady seine Bilder in New York zeigen.

Die Ausstellung mit dem Titel «Perspectives» ist noch bis und mit Montag, 8. August in der Galerie am Lindenhof, Pfalzgasse 3, 8001 zu sehen. Tel. 044 210 12 10. Am Mittwoch, 3. August sind Fotograf Faris AlSaady und Fotografin Naomi Leshem von 19 bis 21 Uhr in der Galerie anwesend.

Eingeworfen am 2.8.2022

3 Kommentare

  1. Sehr anregend! Wie schön, dass so weit auseinander liegende Welten sich in der Kunst treffen und eine Zusammenarbeit begründen. Das sollte laut gesagt werden, als Beispiel hundertfach multipliziert richtig Schule machen – nicht nur auf Kunst bezogen!

    Antworten
  2. Ich finde das eine wunderbare Konstellation, Begegnung durch das künstlerische Schaffen. Und damit über Grenzen, über Trennendes hinweg. Ich werde mir die Ausstellung noch ansehen. Sehr schön, dass die von mir hoch geschätzte Naomi Leshem diese Ausstellung kuratiert hat. Ein Ereignis, zweifellos.

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    • Eindrucksvolle Bilder in bester Produktion! Blau in einer einer neuen Doppelperspektive… Muss man gesehen haben!

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