Die Fotofalle an der Axenstrasse

Filmemacher Friedrich Kappeler hat vor mehr als 35 Jahren in seinem Film «Der schöne Augenblick» Fotografen vorgestellt, die die Entwicklung der Fotografie von der Glasplatte bis zum Polaroidbild mitgemacht haben.

Jean Amrein war ein Fotograf ganz eigener Prägung. Abends wenn die Bars und Nightclubs ihren Betrieb aufnahmen, klapperte er, dunkelblaue Baskenmütze auf dem Kopf und in ordentlichem Sacco gekleidet, jene Orte ab, in denen mehrheitlich Männer verkehrten, hielt stets eine Polaroid Kamera in beiden Händen und bot sich als Porträtfotograf an. Seine regelmässigen Bildertouren begann er in Paris, wo er mehrere Jahre lang lebte, um sie später in Zürich aufzunehmen. Aufdringlich war er nie. Gäste und Personal mochten ihn, sie liessen sich fotografieren, nahmen seine Bilder entgegen und gaben ihm einige Französische Francs oder Schweizer Franken in die Hand. Fürstlich leben konnte er nicht von diesen Fotos. Aber das Geld reichte, um regelmässig paketweise Polaroid Filme und Blitzlichter zu bestellen. Ein schrulliger Mann war dieser Schweizer, der sich so gut in der Geschichte von Polaroid auskannte, der genau erzählen konnte, welches Polaroidmodell wann auf den Markt kam und welche Filme dieser Marke wann in den Verkauf gelangt sind.

Friedrich Kappeler, Schweizer Filmemacher, hat 1986 den Film «Der schöne Augenblick» gedreht, in dem er die Geschichte von drei Fotografen erzählt, die im 20. Jahrhundert die Entwicklung der Fotografie miterlebt haben. Besonders an ihren Biografien war, dass sie als Strassen- und Wanderfotografen begonnen haben. «Alle sagen, Polaroid sei nichts. Aber ich habe so schöne Bilder gemacht», sagt Fotograf Amrein im Film. Rührend wie er seinen Kunden die Schnellbilder übergibt: Das Bild überreichte er in einem kleinen Couvert, manchmal mit einer handgeschriebenen Widmung und mit einer schwungvoll gemachten Zeichnung. Durchaus stilvoll, wie es in Kappelers Film zu sehen ist.

Weisses Hemd, modischer Sacco und stets eine Krawatte. So bleibt einem Fotograf Richard Aschwanden aus Altdorf im Kanton Uri in Erinnerung. Wie er eine Gruppe von rund dreissig Soldaten der Schweizer Armee zu Füssen des Telldenkmals zu Altdorf platziert, wie er ihnen wie ein Dirigent die Arme schwingend laut zuruft, wie sie zu stehen hätten, derweil eine Gruppenaufnahme entsteht und ein Polizist dafür sorgt, dass gerade dann kein Auto ins Gruppenbild hineinfährt. «Achtung, da läuft einer ins Bild!», hören wir den Fotografen im Film von Friedrich Kappeler rufen. Jetzt muss wegen des unachtsamen Passanten eine weitere Aufnahme her. Richard Aschwanden war unermüdlich als Fotograf unterwegs. Fast zu viel, kommentiert seine Tochter Vreni im Film. Anfragen von Kunden konnte er nicht wirklich ablehnen, manche Aufträge sind denn auch einfach liegen geblieben. Wunderbar eine Filmszene, in der er bei einem festlichen Vereinsanlass den Vorstandstisch ohne Ankündigung umräumt und auf einem Stuhl stehend die Mitglieder des Vorstands fotografiert. Ob wohl alle Besucher dieses Anlasses wirklich begeistert gewesen sind, als sie sahen, wie dieser Fotograf sich da im Saal bewegt?

Richard Aschwandens Vater, Michael ist der Fotopionier des Kantons Uri. Zu einer Zeit, da erst wenige Autos über die – damals noch abenteuerliche – Axenstrasse hoch über dem Ufer des Vierwaldstättersees fuhren, hatte er eine besonders erfolgreiche fotografische Geschäftsidee: Auf der Höhe eines der Galeriefenster dieser früher berühmten Strecke stellte er seine grosse Kamera auf einem Stativ auf und fotografierte Autofahrer und Auto mit den imposanten schneebedeckten Innerschweizer Bergen als Hintergrund, ein Fotomotiv, den besonders Touristen aus den Niederanden und Norddeutschland schätzten. Fotograf Aschwanden nannte seine Arbeit an der Axenstrasse recht salopp «meine Fotofalle». Filmemacher Kappeler stellte in einer witzigen Szene eine solche Situation nach: Fotograf Aschwanen will gerade eine fesche Motorradfahrerin am Galeriefenster fotografieren, als seine Kamera samt Stativ wegen eines Windstosses kippt und in die Tiefe in den See fällt.

Fotograf Richard Aschwanden im Atelier

Pater Mattheus Keust gilt eine besondere Sequenz im Film «Der schöne Augenblick». In Olten hat er von einem befreundeten Mönch das Fotografieren erlernt. Während seiner Zeit im Kloster oberhalb von Altdorf hat er die Liebe zur Fotografie leben dürfen: Keust war fotografiebesessen. Er dachte an sie beim Beten, sie kam bei ihm im Traum vor. Mit Keust, das erzählt Filmemacher Kappeler, hat die Fotografie im Kanton Uri Einzug gehalten. Er und Fotopionier Michael Aschwanden haben intensiv im ganzen Kanton fotografiert, ihre Bilder dienen Historikern noch heute Quellenmaterial bei der Beschreibung der Kantonsgeschichte.

Was Michael Aschwanden für Uri bedeutete, das bedeutete für die Fotografie im Napfgebiet und später in Huttwil im Kanton Bern Ernst Hiltbrunner. Die Fotografie hat er sich selbst beigebracht. Mit seinem Bruder hat er grosse Balgenkameras hergestellt. Zuerst hat er privat fotografiert. Doch mit der Zeit kamen Anfragen. Zuerst von Nachbarn und Freunden, dann von Leuten aus anderen Dörfern : Ob er diese Familie, jenen Bauern, diese Schulklasse oder jenen Kirchenchor nicht auch fotografieren könne. Und so zog er mit der grossen Kamera von Dorf zu Dorf, fotografierte im Auftrag von Bauern ihre Kinder, die Grosseltern, den Hof, manchmal auch eine besonders schöne Kuh, ein anderes Mal einen Traktor. Und auch er «komponierte» seine Gruppenaufnahmen, dirigierte sie und beharrte darauf, dass sie alle während der Aufnahme sich keinesfalls bewegen durften, denn die langsamen Verschlusszeiten seiner Kamera hätten bei jeder noch so leisen Bewegung unscharf abgebildete Köpfe ergeben. «Den schönen Augenblick festzuhalten ist für viele der Hauptzweck der Fotografie», sagt da einer der Fotografen im Film. Filmemacher Friedrich Kappeler hat vor mehr als 35 Jahren in seinem Film «Der schöne Augenblick» Fotografen vorgestellt, die die Entwicklung der Fotografie von der Glasplatte bis zum Polaroidbild mitgemacht haben. Jetzt wäre die Zeit gekommen, um eine Fortsetzung über die Fotografie im Zeitalter von Autofokus, Instagram und Smartphone zu filmen.

Grosses Bild: Jean Amrein fotografiert Gunter Sachs. (Copyright: Keystone-SDA). Kleines Bild: Richard Aschwanden in seinem Atelier in Altdorf. Foto: Friedrich Kappeler

Friedrich Kappeler ist Dokumentarfilmer und Fotograf. Er ist vor allem bekannt für seine Filmportraits über den Liedermacher Mani Matter, die Kunstmaler Adolf Dietrich und Varlin, den Schriftsteller Gerhard Meier und Clown Dimitri. Danke an Jazzmusiker und Filmmusikkomponist Bruno Spoerri, der mich auf den Film aufmerksam gemacht hat.

Eingeworfen am 25.4.2022

3 Kommentare

  1. Sehr interessant, was wir da erfahren. Eindrücklich auch, wie die ausgewählten Fotografien
    besondere Aspekte zeigen: zum Beispiel das Grössenverhältnis zwischen Fotograf und fotografierter Berühmtheit …

    Antworten
  2. Lieber Michael

    Hast du einen Tipp, wo ich den Film sehen kann.

    Grüsse und Dank

    Roger

    Antworten

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