Dreissig Jahre Albanienbilder

Zaunanlage vor einer Siedlung von Privathäusern, Tirana, 2011

Autor: Michael Guggenheimer

Ein knallroter massiver Schuber mit der schwarzen Aufschrift «Albania in Between». Darin sechs Broschüren mit Fotos aus einem wenig bekannten Land, Bilder aus drei Jahrzehnten. Der Fotograf Hans-Peter Jost hat das Land wie kaum ein anderer Schweizer bereist. Vor elf Jahren hat er das Buch «Albania in Transition» herausgegeben. Nun hat er seine Albanienbilder nochmals sortiert, hat sie zu Themenblocks geordnet und in einer originellen Form veröffentlicht. Was die Bilder zeigen: Ein Land im Aufbruch, ein Land, dessen Bewohner aus der Armut und aus der Diktatur in die Neuzeit des Kapitalismus und der Demokratie angekommen sind. Seit dem Ende des Kommunismus wurden in Albanien bedeutende Schritte zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage erreicht. Dieser Weg ist in den Bildern zu sehen. Aber trotz aller Fortschritte war das Land im Jahr 2017 noch immer eines der ärmsten Länder. Erstaunliche Bilder aus einer Zeit, da die zahlreichen Institutionen des Landes, die während Jahrzehnten den Namen von Diktator Enver Hoxha getragen hatten, nach seinem Tod – nicht anders als in anderen kommunistischen Staaten – umbenannt wurden.

Wie aber kommt ein Schweizer Fotograf zu einer so intensiven Beziehung zu Albanien? «Als Jugendlicher hörte ich oft die deutschsprachigen Sendungen von Radio Tirana, begleitet vom unvermeidlichen Knistern und Rauschen des Kurzwellensenders. Damals glaubte ich der Propaganda und stellte mir ein fast vollkommenes Land unter sozialistischer Führung vor, ein mediterranes Paradies zwischen Orient und Okzident», erinnert sich Fotograf Jost, der noch vor seinen ersten Reisen durch Albanien zu Beginn der 1990er Jahren die Realität des Landes erkannt hat.

«Brot», «Glaube», «Familie», «Bauboom», «Vergangenheit», «Träume» heissen die sechs Bildhefte von «Albania in Between».. „In Between“ meint auf dem Weg zwischen früher der Jetztzeit und der Zukunft. Ein Land im Wandel. . Ein weiteres Heft gilt den Bildlegenden, ein achtes ist Texten vorbehalten, die Land und Leute auf der sprachlichen Ebene den Bildbetrachtern näherbringen. Ungewöhnlich und originell die Präsentation. Auf dem Umschlag des Hefts «Brot» das Bild von Arbeitern aus dem Stahlwerk «Stahl der Partei». Einer zeigt sein Mittagessen auf einer Zeitungsseite, in der wohl seine frugale Mahlzeit eingewickelt war: Eine dicke Scheibe Brot, Oliven und ein Weichkäse. Mehr nicht. Die schwarzweisse Fotografie genau dreissig Jahre alt.

«Glaube» ist der Titel des zweiten Fotoheftes, auf dessen Titelblatt ein patriotisches Wandbild aus Zeiten der Diktatur zu sehen ist: Ein Soldat, ein Gewehr in der Linken, die erhobene geballte Faust der Rechten, er schreitet nach vorn, Verteidiger des Vaterlands gegen äussere und innere Angriffe. Hinter ihm die Fahne des Landes: Doppeladler und fünfzackiger goldener Stern. Auf der fünften Broschürenseite ein Bild aus der Stadt Pogradec: Fünfstöckige Wohnbauten, Anwohner sitzen und stehen im Hof, manche bereiten ihre Mahlzeiten vor, im Vordergrund ein Betonbunker mit kugeligem Dach und Schiessscharte, eines der unendlich vielen Bunker, die das bunkerreichste Land der Welt in der Zeit der Diktatur von Enver Hoxhas gebaut hat, um gegen den Feind gerüstet zu sein.

Zwei Seiten weiter auf einer Doppelseite ein Arbeiter mit Spitzhacke, er blickt den Fotografen an, in der Rechten hält er eine Büste des Diktators. Hat er sie entwendet? Wird er sie jetzt zerschmettern? Man weiss es nicht. Eine Doppelseite weiter eine Fotografie aus der Skanderberg Kadettenschule: Junge uniformierte Rekruten sitzen an einfach gezimmerten Tischen, ein Offizier schaut den Fotografen an, in zwei Schränken mit Glastüren stehen Projektile unterschiedlicher Grösse, gewiss Anschauungsmaterial im militärischen Theorieunterricht. Theorie auch auf der folgenden Seite: Ein Offizier erklärt den Rekruten die Funktionsweise eines Gewehrs. Glaube an das zu verteidigende Vaterland in diesen Bildern aus den frühen 90er Jahren. Glaube aber auch sichtbar gemacht in den Fotografien von Moscheen und Kirchen. Menschen, am Strassenrand stehend und auf Vordächern und auf Bäumen kauernd warten auf Papst Johannes Paul II, der 1993 ein Land besucht hat, dessen Bevölkerung trotz der erlangten Glaubensfreiheit heute längst nicht mehr so religiös ist wie einst. Was diese Fotos können: Sie zeigen in mehreren Folgen die Entwicklung eines einst mausarmen Landes auf seinem Weg ins 21. Jahrhundert von Konsum und Kapitalismus. Eindrückliche Bilder, stille Porträtaufnahmen. Und irgendwann beginnt die Landschaft eines sehr bergigen Landes auf den Bildern zu erscheinen. Man sieht die Bilder und versteht die Faszination, die Hans-Peter Jost vor drei Jahrzehnten gepackt hat.

Eine Sammlung von Porträtaufnahmen hat Fotograf Hans Peter Jost im Bilderheft mit dem Titel «Familie» zusammengelegt. Ganz einleuchtend ist die Titelgebung des Heftes zwar nicht. Aber die Bilder machen dieses Manko wett: Das Bild einer mächtigen Werbetafel für das lokale „Tirana Beer“ irgendwo am Rande eines Maisfeldes im Jahr 2010 aufgenommen: Eine Frau im grünen Bikini auf einem roten Badetuch, vor sich ein überdimensioniert grosses Bierglas, hinter sich das Meer, eine unbedarfte Erotik ausstrahlend. Zur Zeit der Diktatur wäre ein solches Bild nicht möglich gewesen. Weitere Bilder dieser Rubrik: Menschen in ihren Behausungen, wie etwa eine Verkäuferin in einem Dorfladen mit dürftig bestückten Dosen auf wenig belegten Tablaren mit wenigen Flaschen und Säckchen. Ein Bild von zwei Kindern, der 14-jährigen Lela und ihrem ein Jahr älteren Aliu: beide in ihrem Schlafzimmer aufgenommen, sie sind seit einem Jahr verheiratet. Hans-Peter Josts Bilder können als Vorbereitung einer Albanienreise dienen oder als Begleitmaterial bei der Lektüre von Büchern über das kaum 3 Millionen Einwohner zählende Land an der Adria.

Der Schuber und eine Fotografie eines Stahlwerkarbeiters mit seinem kargen Mittagessen

Den ökonomischen Fortschritt der Republik Albanien sieht man am ehesten den Fotografien des Bilderheftes mit dem Titel «Bauboom». In der Stadt Berat stehen unten am Hügel einstöckige einfache Bauten neben einem Minarett. Weiter oben am Hang die neunstöckigen Wohnbauten, noch unbewohnt. Und immer wieder fallen einem die noch nicht fertigen Häuser auf: in einem Haus sind die Bewohner bereits im Erdgeschoss eingezogen, das obere Stockwerk muss noch warten, vielleicht weil das Geld für den Ausbau noch nicht gereicht hat. Zwischendurch Aufnahmen von seltsamen Bauten: Bei der Ortschaft Fier ein Wohnhaus in Form eines Schiffs, in Tirana ein chaletartiger Bau in Holzimitation wie hingepflanzt auf dem Flachdach eines vierstöckigen Hauses. Ein Bauboom in einem Land, in dem viele Bewohner von den Geldern leben, die ihre im Ausland arbeitenden Verwandten leben. Absurd auch jenes Wohnhaus aus Backstein, dessen Piloti um einen ehemaligen Betonbunker mit kugeligem Dach erstellt worden sind. Oder jenes schief in der Landschaft stehende Wohngebäude, das illegal erbaut wurde und deshalb von den Behörden zu einem Teileinsturz gebracht wurde. Inmitten von Gräbern auf einem Friedhof wieder ein Bunker aus den Jahren Enver Hoxhas. Immer wieder möchte man beim Blättern der Fotohefte mehr erfahren. So etwa bei jenen Fotografien, für die die folgende Bildlegende steht: Alljährlich pilgern zwischen dem 20. Und 25. August Tausende auf den für die Bektashi heiligen Berg». Weshalb der Berg heilig ist und wer die Bektashi sind?

Fotograf Hans-Peter Jost

Den Aufbruch des Landes zeigt am besten das Heft «Träume». Eine Ferienresidenz am Meer, Touristengruppen, die Selfies machen, schnelle Autos, der riesige Skanderbergplatz mit seinen Hochbauten. Es sind die Bilder aus dem Jahr 2021, die sichtbar machen, dass das Land in den dreissig Jahren, in denen Fotograf Jost das Land bereist hat, einen starken wirtschaftlichen Aufschwung erlebt hat. Dazu meint Hans-Peter Jost: »In den vergangenen Jahren hat sich durch die Goldgräberstimmung und das vorherrschende Recht des Stärkeren, gegen das die staatlichen Stellen nur halbherzig einschreiten, die Schere zwischen Arm und Reich weit geöffnet. Der enorme Reichtum Einzelner, oft ungeniert und stoltz zur Schau gsetellt, wirft die Frage auf, wie er innerhalb von so kurzer Zeit entstehen konnte“.

«Albania in Between» ist im PLAK Verlag, Zürich erschienen. 8 Broschüren, Format A5 im Schuber, 180 Fotografien, ISBN 978-3-033-08720-0. Grosses Bild: Fotografie aus dem Band «Träume». Eine bewachte Siedlung von Einfamilienhäusern in Tirana (2018). Kleines Bild: Ein Arbeiter aus dem Stahlwerk «Stahl der Partei» zeigt sein Mittagessen (1992). Unten: Fotograf Hans-Peter Jost.

Eingeworfen am 5.4.2022

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