Doppelbilder vom Theater Konstanz

Eine Doppelseite aus dem Theaterprogramm: SchauspielerInnen und ihre Wahlpersonen

Autor: Michael Guggenheimer

Eine schöne Idee, wie er die Mitglieder des Ensembles des Konstanzer Theaters in Bildern vorstellen könnte, hatte der Fotograf Ilja Mess. Er ging mit dem Ensemble in die Stadt und zeigt Orte und Menschen, die dem Theaterensemble wichtig sind. Und mit einem Trick konnte er diese Orte und Menschen trotz den geltenden Abstandsregeln auf einem Foto zusammenbringen.

Regelmässige Theaterbesucher haben «ihre» Schauspielerinnen und Schauspieler. Sie mögen besonders die eine Akteurin oder den anderen Akteur. Nicht immer ist es leicht, sich nur anhand des besuchten Schauspiels zu entscheiden, wie die Personen auf der Bühne heissen. Hilfreich sind da die gedruckten Programmhefte mit ihren Fotos. Oder auch die Spielzeithefte, in denen das Personal eines Theaters von der Garderobiere über die Dramaturgin bis zur Intendantin im Bild vorgestellt werden. Keine einfache Aufgabe für diejenigen, die diese Bilder machen: Soll man die Schauspieler*innen in ihrer jeweiligen Rolle vorstellen? Aber hilft dieser Weg, wenn eine Schauspielerin in einer Saison gleich mehrere Rollen spielt? Und wenn man die Akteure rollenneutral fotografieren will, wie soll man das machen, wie und wo sie so hinstellen, damit das gemachte Bild auch sinnvoll ist?

Einen ganz eigenen Weg ging da Ilja Mess, der die Schauspielerinnen und Schauspieler des Theaters Konstanz für das Jahresprogramm 2021 / 2022 fotografieren sollte. Auf Doppelseiten im Programmheft, das den Titel «Wo gehen wir hin?» trägt, zeigt er das Ensemble des Theaters. Jede Schauspielerin, jeder Schauspieler steht oder sitzt in einer anderen Umgebung, vor einem anderen Hintergrund. Keine weisse oder farbige Fotoatelierwand im Hintergrund. Die Ensemblemitglieder hat Mess fast alle farbig aufgenommen. Und jede und jeder von ihnen hält oder zeigt ein Porträtbild einer anderen Person . Und sie alle blicken zum Fotografen, schauen uns an, die wir das Programmheft vor Augen haben. Wer sind die Personen, die uns die Schauspieler zeigen? Der Name der jeweils abgebildeten Akteurin oder des Akteurs steht am Rand des Bildes in fetter weisser Schrift. Und jeweils unter diesem Namen steht, wer die im kleineren Zeigebild aufgenommene Person ist.

Wer sind nun wirklich diese anderen Personen, die uns die Ensemblemitglieder zeigen? Dazu Fotograf Ilja Mess: «Es ging darum, den Schauspieler*innen die Möglichkeit zu geben, sich bei Personen oder Institutionen zu bedanken, die ihnen während des schweren ersten Coronajahres  geholfen hatten, und somit etwas zurück zu geben. Zur Erinnerung: Das Theater Konstanz hatte ebenso wie die anderen Theater kaum spielen können, und andere Berufsgruppen hatten auch zum Teil. extrem  schwierige Zeiten. Wir wollten auch zeigen, dass Theater und Stadt natürlich eng verbunden sind, wenn die Bühne geschlossen ist“.

„Insofern hatten alle Kolleg*innen die Möglichkeit, sich ihre Foto-Partner selbst  auszuwählen“, sagt Ilja Mess. „Eine Kollegin hat ihre Thai-Masseurin ausgewählt, die ihr in der  Zeit ein Lichtblick war und die selbst durch die zwangsweise zeitweise Schließung  ihres Studios in starke Bedrängnis geraten ist. Bei den Gastronomen galt in der  Regel ähnliches. Der Kollege, der die Feuerwehr als Partner haben wollte, hat  diesen speziellen Feuermann aber erst beim Fotografieren kennen gelernt – in  dem Fall ging es mehr um die Institution als um die Einzelperson».

Ein zweites Bilderpar: Schauspieler und gewählte personen

«Ähnlich bei  dem Kollegen beim Sanitätsdienst, den ich für den Schauspieler wegen einer positiven Erfahrung eigentlich im Krankenhaus fotografieren wollte, was aber in der entsprechenden Abteilung  aus guten Gründen in der Pandemiezeit nicht möglich war», erzählt der Fotograf. «Fotografisch bot der Umweg über die Tafeln die Möglichkeit, beide Personen auf dem gleichen Bild abzubilden und dabei die Abstandsregeln einzuhalten». 

Eine schöne Idee, wenn man auch bedenkt, dass jeweils an Theateraufführungen in vielen Theaterhäusern während der Vorstellung ein Feuerwehrmann oder eine Sanitäterin anwesend ist. So schauen wir die Doppelbilder an und versuchen uns vorzustellen, weshalb Schauspielerin Sabine Martin die Inhaberin der «Paradies Bäckerei» gewählt hat, warum Odo Jergitsch die Buchhändlerin Mechthild Hepp von der Buchhandlung «Homburger und Hepp» auserkoren hat oder Dominik Puhl mit der selbständigen Rechtsanwältin und Beraterin beim Deutschen Mieterbund Bodensee e.v Sabine Scheding im Programmheft zu sehen ist. Lauter Geschichten. Vielleicht einige unter ihnen, die wiederum kleine Erzählungen ergeben könnten. Und wenn die Geschichten nicht wirklich so waren, dann können wir Zuschauer selber welche erfinden.

(Alle gezeigten Fotos von Ilja Mess stammen aus dem Programm der Spielzeit 2021 / 2022 des Theaters Konstanz)

Eingeworfen am 15.3.2022

2 Kommentare

  1. In der Tat ein wunderbare Idee. Der Hinweis freut mich sehr. Ich werde ihm gern nachgehen, demnächst in Konstanz. Und immer offen diese Frage: Wo gehen wir hin? Wir selber, jeder Einzelne und die Gesellschaften als Ganzes, gerade in dieser Zeit. So viele Ungewissheiten, so viele Unwägbarkeiten.

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  2. Doppelportraits: eine wunderbare Idee. Welten kommen zusammen. Der Hinweis freut mich sehr. Ich werde ihm gern nachgehen, demnächst in Konstanz. Und immer offen diese Frage: Wo gehen wir hin? Wir selber, jeder Einzelne und die Gesellschaften als Ganzes, gerade in dieser Zeit. So viele Ungewissheiten, so viele Unwägbarkeiten.

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