Peter Morger. Zwischen Fotografie und Malerei

Ein Buchgestalter in Berlin sichtet hunderte von Fotos eines verstorbenen fotografierenden Autors aus dem Appenzellerland. Herausgekommen ist eine besonders schöne Foto-Textpublikation.

Peter Morger. Autor, Fotograf, Journalist. Ostschweizer. Vor zwanzig Jahren verstorben. 47 Jahre alt ist er geworden. «Notstrom» heisst sein erster Roman, den der Berner Zytglogge Verlag 1980 veröffentlichte. Der Roman «Pius und Paul» erscheint vier Jahre später im selben Verlag. Und zehn Jahre nachdem der Germanist Rainer Stöckli 2012 das letzte von 6 Heften mit Texten von Morger herausgegeben hat, arbeitet sich der in Berlin lebende Schweizer Buchgestalter Gaston Isoz durch Berge von Fotografien und Negativen, die Morger hinterlassen hat: 20 000 Dias und 400 entwickelte Schwarzweiss-Filme sowie Polaroids und Bildcollagen bewahrt die Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden in Trogen. Bei der VGS Verlagsgenossenschaft in St.Gallen hat Isoz gemeinsam mit Rainer Stöckli und Peter Surber ein Doppelbuch mit dem Titel «Rond om Troge. Peter Morger als Fotograf» herausgebracht. Dass sich das Doppelbuch durch eine besonders schöne Gestaltung auszeichnet, ahnt, wer Publikationen der VGS schon in der Hand hatte. Wiederholt sind sie prämiert worden. Gestalter Isoz ist mehrfacher Preisträger der Wettbewerbe »Die schönsten Schweizer Bücher«, »Die schönsten deutschen Bücher« und des Wettbewerbs » Best Book Design from all over the World«.

Der Titel «Rond om Troge» mag all jenen zunächst seltsam klingen, die nicht im Appenzell wohnen. Morger hat in Trogen in Appenzell Ausserrhoden gelebt. »Rond om Troge» könnte man mit «Rund um das Dorf Trogen» übersetzen. Wobei rund um Trogen in diesem Fall grosszügig zu nehmen ist: nicht alle Bilder sind in der Nähe von Trogen aufgenommen worden. Morger hat auch auf Reisen in Frankreich, in den USA, in Indonesien und auf den Philippinen sowie im nahen St.Gallen intensiv fotografiert. Zwei Teile, zwei schmale Bände, weist die Publikation auf: Einen Textband mit 64 Seiten und einen Bildband mit 96 Seiten. Beide kommen im Schuber und mit «Bauchbinde» daher, einem bedruckten Papierstreifen, der schützend um den gesamten Buchblock liegt. Stil muss sein, Stil gehört zu den VGS Publikationen.

Peter Morger war kein ausgebildeter Fotograf. Aber er hatte ein gutes Auge für Motive. Und er muss eine gute Kamera besessen haben. Technisches an der Fotografie interessierte ihn weniger, aber ein Fotolabor hatte er. Mit Fotografie hat er sich auch in Texten befasst. Der einführende Text in einem Buch über den Fotografen Herbert Maeder stammt von ihm. Und in «Rond om Troge» finden sich seine Überlegungen zu seinem Verständnis von Fotografie. Morgers fotografisch-literarisches Doppelleben schildert in «Rond om Troge» Peter Surber von der Ostschweizer Kulturzeitschrift «Saiten». Und er zitiert den fotografierenden Autor: «Mich interessiert die versteckte Wirklichkeit, die entdeckt und erforscht werden muss. Die Schönheit von verlorenen Gegenständen, von Abgeschriebenem, Weggeworfenem, ausgelatschte Schuhe, ausrangierte Autos, verrostete Dampflokomotiven, verwaschene Mauern, zerrissene Plakatwände, zerbröckelnde Backsteine, ausgetragene Jeans, der Staub auf alte Schreibmaschinen, die Körperlichkeit ausgetragener Lederjacken, die Verrücktheit alter Postkarten, heiligen Bilder und Kitschheiligen, die Energie im Holz, die Jahresringe, Astlöcher, Maserungen…Für mich ist das mehr als Nostalgie; meine Fotografie ist ein Plädoyer für Abseitige, Aussenseiterische».

Gaston Isoz hat alle Fotografien im Buch im selben Format gesetzt, die meisten im Querformat. Und wenn auf einer Seite ein Bild im Hochformat platziert wurde, dann gilt es, beim Betrachten das Buch von der Horizontalen in die Vertikale zu drehen. Keines der Bilder dehnt sich über eine Doppelseite, zu jedem Bild gehört auf der gegenüberliegenden Seite eine weisse Fläche, auf der zurückhaltend das Dossier im Morger-Archiv und manchmal eine Ortsangabe zu lesen ist. Farbbilder und Bilder in Schwarzweiss. Letztere sind zumeist Bilder, die Morger als Mitarbeiter der Appenzeller Zeitung zur Illustration seiner Texte aufgenommen hat. Die Farbbilder, es sind Diapositive, die Isoz für das Buch digitalisiert hat, hat Morger immer wieder weiterbearbeitet. Ätzende Substanzen, Nagellackentferner, oft auch Waschpulver, Schreibfeder oder Zirkel hat er eingesetzt, auch Filzschreiber und Wasserfarben könnten mitunter dabei sein, wodurch sich die Bilder verändert haben, neue leuchtende Farben bekamen und so wirken, als seien sie ein Zwischenprodukt zwischen Fotografie und Malerei. Mitunter hat er auch bewusst Mehrfachbelichtungen vorgenommen. All dies macht Morgers Fotos zu besonderen, zu künstlerischen Bildern, macht den Reiz der Publikation aus.

Eine Fotografie von Peter Morger mit dem Titel Diamagie

Morger verstand sich als Künstler. Indem er Fotos farblich manuell bearbeitete, sie veränderte, machte er nichts anderes als Fotograf Robert Frank, der irgendwann damit begonnen hatte, seine Fotos zu übermalen. Keine der Fotografien hat Morger mit einem Computerprogramm weiterverarbeitet. Denn in den Jahren vor 2000 kannte er noch keine Bildbearbeitungsprogramme. Morgers Bilder sind experimentelle Fotomalerei. «Dia-magische» Programme» nannte Morger seine Präsentationen dieser bearbeiteten Fotos an Abenden mit Text und Musik. Manche dieser Bilder hat er an Ausstellungen präsentiert. An der Buchvernissage im Kellergewölbe der Kantonsbibliothek in Trogen berichtete Buchgestalter Isoz, wie er beim Sichten der vielen Dias von der Vielfalt und Intensität der Bilder überrascht gewesen sei.

Unter der Archivnummer A-24-0446 ist im Buch Dichter Robert Walser zu sehen. Die von Hand überarbeitete und farblich veränderte Aufnahme ist mit dem Jahr 1991 datiert. Walser aber ist 1956 verstorben. Und Morger ist zu jenem Zeitpunkt erst ein Jahr alt gewesen. Wo er wohl das Bild von Walser gefunden hat? Morger war ein grosser Walser-Verehrer, er fühlte sich Robert Walser nahe: Stimmungsvoll, vielleicht auch leicht traurig, ein Bild vom Robert-Walser-Pfad in Herisau, der an letzte Lebensstationen des Schriftstellers vorbeiführt. Peter Morger war es, der im Jahr 1986 diesen ersten Schweizer Literaturweg schuf. Manche Fotografien im Buch sind konventionell, stimmungsvolle unbearbeitete Landschaftsaufnahmen vom Appenzellerland. Die Bahn muss eine starke Anziehung auf den Fotografen ausgeübt haben, immer wieder hat er Zugformationen fotografiert. Blumenbilder hat er gemacht. Manche von ihnen, hat er weiterverarbeitet. Jahrmarktbilder, in denen die Farben nach der Weiterbearbeitung umso kräftiger wirken, sehen so aus,, als seien sie teils gemalt, teils fotografiert worden. Foto-Magie oder auch Dia-Magie werden die mit chemischen Mitteln überarbeiteten oder überkrazten Bilder im Buch genannt, die manchmal so wirken, als seien sie im Atelier eines Künstlers gemalt worden. Bilder aus Trogen und der näheren Nachbarschaft, ein Bild aus dem Fenster seiner Wohnung auf die Strasse, die heute, zwanzig Jahre nach dem Tod des Fotografen genau so aussieht wie damals. Das letzte Bild im Buch zeigt den Fotografen in einer Doppelbelichtung. Die Legende lautet «Lebensstationen». Die letzte Station hatte Morger im Alter von 47 bestimmt.

Beide Bilder stammen aus dem Buch. «Rond om Troge – Peter Morger als Fotograf». 2 Teile im Schuber, erschienen bei VGS Verlagsgenossenschaft St.Gallen, ISBN 978-7291-1198-1

Eingeworfen am 15.2.2022

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