Susanne Heftis Fotos der Veränderung

Kunst und Wissenschaft, Fotografie und Text, berühren sich in Susanne Heftis künstlerischen Arbeiten mit den Titeln «Transformationsgedächtnis Peripherie» und «Transformationsgedächtnis Stadt», die über die Jahreswende gleichzeitig in der Kunst Halle St.Gallen und im Kunstmuseum Glarus sowie anschliessend im Experimenthaus Neubühl in Zurich zu sehen waren. Beide Arbeiten sollten wieder gezeigt werden, denn sie zeigen in Bild und Wort Veränderungen auf dem Land und in der Stadt auf.

Kunst und Wissenschaft zeichnen Susanne Heftis beruflichen Werdegang: Einer kaufmännischen Lehre und einer ersten Anstellung bei einer Bank folgten die Ausbildung zur Fotografin an der Folkwang Universität der Künste in Essen und die Weiterbildung zur Radiojournalistin in St.Gallen. Derzeit arbeitet sie am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH an einer Dissertation und ist gleichzeitig in ihrem Kunstatelier in Zürich Altstetten anzutreffen.

Die Veränderung der Tallandschaft im Kanton Glarus und die Veränderung des Stadtteils Bleicheli in St.Gallen sind die Themen der beiden Arbeiten unter dem Obertitel «Transformationsgedächtnis». Beide Male war es die Textilindustrie, die die Wirtschaft, das Arbeitsleben und die Architektur prägte.

Was da in Heftis Arbeiten an Bildern zu sehen und an Texten zu hören und zu lesen ist? Im Kunsthaus Glarus nahm Susanne Hefti die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung «Heimspiel 21» auf eine Reise durchs Glarnerland mit. Fabriken und Fabrikantenvillen sind da in einer Slideshow in Schwarzweiss Fotografien zu sehen. Eindrückliche Aufnahmen von grossen Gebäuden aus dem Ende des 19. und den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die die Landschaft prägen und Zeugen einer frühen und starken Industrialisierung sind. Noch stehen viele dieser Fabrikgebäude. Aber die Textilindustrie, die einst das Arbeitsleben im Kanton bestimmt hat, gibt es kaum mehr. Die grossen Industriebauten von einst dienen als Lagerhallen oder Herstellern anderer Güter. Manche sind schlicht leer und verfallen, sind bestenfalls Baudenkmäler und Brachen, deren Abbruch manche Politiker fordern. Sieht man sich die Bilder dieser Bauten an, dann stellt sich die Frage nach dem angemessenen Umgang mit diesen Baudenkmälern.

In begleitenden Texten, die sie in ihrer Slideshow selber spricht, werden Dokumente zur Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter der einstigen Betriebe geschildert. Wie viel sie einst verdient haben (Schweizerinnen mehr als Ausländerinnen), wie lange sie früher haben arbeiten müssen (bis zu 18 Stunden), unter welchen Bedingungen sie ihren Alltag in den Fabrikhallen verbracht haben, davon zeugen diese Äusserungen.

Susanne Hefti hat alle diese Fotografien gemacht, sie hat im Wirtschaftsarchiv des Kantons in Schwanden und im Textilmuseum St.Gallen geeignete Dokumente gesucht, mit denen die Bilder eine Textdimension erhalten.

Als Susanne Hefti der Jury von «Heimspiel 2021», der Ausstellung aktuellen künstlerischen Schaffens in der Ostschweiz, eingereicht hatte, fehlte der Jury ein wirklicher Ostschweizer Bezug. Ein auf Wunsch der Jury nachgereichtes zweites Projekt aber fand gleich bei zwei Museen, beim Kunstmuseum Glarus und bei der Kunst Halle St.Gallen, Gefallen. Es ist kein Zufall, dass Hefti eine dokumentarische Arbeit über den Kanton Glarus gemacht hat: Ihr Vater stammt aus Elm. Von früheren Besuchen bei Verwandten kannte sie das Tal. In der begleitenden Dokumentation sagt sie: «2010 nimmt mich meine Patentante das erste Mal mit en ihren Arbeitsplatz, eine der letzten noch produzierenden Textilfirmen im Glarnerland. Ich staune ob der Maschinen, ob der staubigen Luft. Ich mache Bilder von blauen Fenstervorhängen, die von oben bis unten bedeckt sind mit einer weissen Schicht Fasern. Die Textur gleicht jenen Fasermatten, die man aus dem Trockensieb fischt, nur fluffiger. Auch einige Maschinen sind damit überzogen, die Kopfhörer zum Schutz vor dem Lärm».

Heftis Bild- und Textarbeit ruft dazu auf, sich Gedanken zu machen zur heutigen Funktion und Nutzung der meist leerstehenden Fabrikgebäude. Ihre Recherche entwirft ein Geschichtsbild von harten Arbeitsbedingungen und ausbeuterischen Strukturen zu Zeiten der Hochblüte der Glarner Textilindustrie. Ihr Vater hatte sie gewarnt, ihr Thema sei «ein alter Hut». Er hat nicht Recht bekommen: Fotos und Texte erzählen Sozial-, Arbeits- und Architekturgeschichte. Die Geschichten über Fabrikanten, Händler, Arbeiterinnen und Arbeiter, die sie in Bildern und Texten zeigt, sind von einer Eindrücklichkeit, die eine permanente Präsentation in einem Regionalmuseum rechtfertigen würden.

Eine überdimensionierte Vase auf dem Areal der Raifeisenbank Stz.Gallen, eine Arbeit von Pipilotti Rist

In ihrem Beitrag für den St.Galler Teil der Ostschweizer Kunstausstellung «Heimspiel 2021» zeigt Susanne Hefti, die radikale Veränderung eines Stadtteils auf. Genau genommen sind es zwei Transformationsprozesse. Der erste im 18. Und 19 Jahrhundert, der zweite ab 1970. Wiederum ist es die Textilindustrie, die zuerst Veränderungen mit sich brachte: Zwischen dem St.Galler Bahnhof und der Altstadt war im 19. Jahrhundert und in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ein Quartier der Handelshäuser der Textilbranche mit Banken und Versicherungsfirmen entstanden. Die Weltoffenheit der Textilindustrie zeigt sich in den Namen der Handelshäuser «Washington», «Oceanic», «Pacific», «Atlantic», «Britannia» oder «Chicago». Der Sitz der Transport- und Feuerversicherungsgesellschaft Helvetia, ein Bau, von Architekt Johann Christoph Kunkler entworfen, wurde in den 1970er Jahren abgebrochen und durch einen Neubau der St.Gallischen Kantonalbank ersetzt. Radikal ging die Transformation des Quartiers weiter, als kleine Wohn- und Gewerbebauten den grossen Bürobauten der Raiffeisenbank weichen mussten.

Heftis Bilder in dokumentarischem Schwarzweiss zeigen die grossen Büroneubauten des einst von kleinen Wohnhäusern geprägten Quartiers. Und gerade das Fehlen der roten Farbe von Pipilotti Rists Strassenteppich im Raiffeisenquartier macht deutlich, wie seelenlos dieses Stadtgebiet mit seinen massiven Glasbauten wirkt. Einzig die im neomaurischen Stil erbaute Synagoge und ein Gebäude der früheren Gewerbeschule sind als Zeugen der einstigen Zeit im Quartier übriggeblieben. Dass Susanne Hefti die Veränderungen des Bleicheliquartiers in St.Gallen als Thema einer Arbeit ausgesucht hat, hat ebenfalls einen biografischen Bezug: in der Raiffeisenbank hat sie nach ihrer Lehre eine Zeitlang gearbeitet. Von daher die Vertrautheit mit dem Quartier, in dem sich die Zentrale der Raifeisenkassen befindet und in mehreren Anläufen expandiert hat. Auch hier ist Susanne Hefti in die Archivwelt eingetaucht, zitiert sie aus Dokumenten von früher und zeigt, mit welchen Methoden und mit welchem Druck auf die Lokalmedien die St.Gallische Kantonalbank Stimmung für den Abbruch eines historischen Baus gemacht hat. Befragt, wo diese Arbeit gezeigt werden könnte, lacht sie und meint: «Schön wäre es, die Arbeit könnte in der Eingangshalle der St.Gallischen Kantonalbank oder in der Zentrale der Raiffeisenbank gezeigt werden».

Im grossen Bild: Ein Blick in die Slideshow zu den Glarner Industriebauten. Im kleinen Bild: Ein Detail aus Pipilotti Rists Arbeit im Raiffeisenquartier St.Gallen, des ehemaligen Bleicheli.

Eingeworfen am 7.2.2022

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