Die Galerie Roger Viollet, Paris

Das Archiv Roger Viollet in Paris

Autor: Michael Guggenheimer

Es dürfte wohl keine andere Stadt in Europa geben, in der Fotogalerien und Fotogeschäfte so dicht gesät sind. Man muss sie nicht suchen, sie fallen einem bereits beim Flanieren auf: Geschäftstafeln von Fotoateliers, Schaufenster mit Kameras und Fotos. So intensiv ist die Präsenz der Fotografie in Paris: Wenn im Herbst die Tage «PhotoSaintGermain» stattfinden, machen fast 80 Museen, Galerien, Kulturzentren, Fotogeschäfte, Werbeagenturen mit. Paris ist dann auch ohne der «Maison Européenne de la Photographie» ein wahres Fotomuseum.

Ein Faltprospekt mit Stadtplan, Kurzbeschreibungen und Abbildungen hilft während «PhotoSaintGermain» beim Rundgang: Offene Türen an allen diesen Orten beim «Parcours photo de la Rive Gauche» und bei der «Extension Rive droite». Ausländische Kulturzentren wie das Centre Culturel Suisse», das Schwedische Kulturzentrum, das «Institut Culturel Italien» oder beim ungarischen Kulturzentrum «Institut Liszt», öffnen ihre Türen mit Fotoausstellungen, an denen Arbeiten ausländischer Fotografen ausgestellt werden. Unglaublich die Vielfalt der kleineren Fotoausstellungen in den vielen Galerien, manche unter ihnen sind Filialen von Galerien in anderen Ländern. Viele der gezeigten Bilder zeigen Paris. Die Stadt dürfte neben Venedig die am meisten fotografierte Stadt Europas sein. Die Tradition der Pariser Fotografen Atget oder Henri Cartier-Bresson lebt, die Zahl der Fotobände über die Stadt und ihre Bewohner ist unübersichtlich gross. Wer nicht weiss, von wo aus man die Stadt mit der eigenen Kamera fotografische erfassen soll, dem stehen mehrere Sites im Internet mit Tipps zur Seite.

Eine ganz besondere Position unter den Fotoorten der Stadt nimmt die Galerie Roger Viollet an der Rue de Seine 6 ein. Die französische Bildagentur, mit vollem Namen „Documentation Photographique Générale Roger-Viollet“, wurde 1938 von den beiden Fotografen und Fotografieliebhabern Hélène Roger-Viollet und ihrem Ehemann Jean-Victor Fischer in Paris gegründet. Nach ihrem Tod hinterließen sie ihr Bildarchiv der Stadt Paris, die es um zusätzliche Bildkollektionen erweiterte. Die Sammlung besticht durch ein umfassendes historisches Archiv der wichtigsten geschichtlichen Ereignisse, Personenporträts und Kunstreproduktionen, die mittlerweile der Stadt Paris vermacht wurde.

Die Firma Roger Viollet zählt zu den ältesten Bildagenturen Frankreichs und wurde noch vor der Bildagentur Magnum gegründet. Mit über sechs Millionen Bildern bietet ihre Sammlung einzigartige Eindrücke aus Frankreich, Europa und der ganzen Welt. Spezialisiert ist das Archiv auf historische Großereignisse, die Stadt Paris, Porträts von Persönlichkeiten der Kunst- und Kulturszene (z.B.: Pablo Picasso, Simone de Beauvoir) sowie Nachdrucke von Kunstwerken. Zusätzlich umfasst die Sammlung rund zwei Millionen Bilder, Zeichnungen, Poster, Skulpturen, Haute-Couture-Kleidung und Antiquitäten der größten Pariser Museen und Bibliotheken (z. B.: Musée Carnevalet, Bibliothèque Historique, Musée d’Art Moderne, Musée Galliera, Petit Palais, oder Maison de Victor Hugo).

Zwei Fotografien aus dem Jahr 1900 der Fotografen Löon & Lévy

In mehreren Räumen, die von der Strasse her einsehbar sind, stehen die Ordner, in denen die Fotografien nach Themen geordnet sind. Hier kann man Bilder für private Zwecke und für Publikationen aller Art kaufen. Gleichzeig finden hier Wechselausstellungen statt, in denen Bilder aus den Beständen des Archivs erworben werden können. Beeindruckend im Herbst 2021 / Winter 2022 die Ausstellung «L’orient en grand, le voyage photographique» mit den breitformatigen Fotografien aus Nordafrika und dem Nahen Osten, welche die Fotografen des Studios Léon  & Lévy um 1900 gemacht haben. Die beiden Fotografen haben Nordafrika von West nach Ost bereist, ein mobiles Fotolabor hatten sie dabei. Und sie wollten besonders schöne Landschaften und Orte mit ihrer sperrigen Kamera festhalten. Die Absicht der beiden Fotografen war, mit schönen Bildern wieder nach Paris zurückzukehren, um sie anschliessend zu Ansichtskarten und Bilderalben umzuarbeiten, um ihren Kunden die Möglichkeit zu bieten, Reisen durch arabische Länder unternehmen, ohne das bequeme Wohnzimmer verlassen zu müssen. Das Fotografenstudio Léon & Lévy galt um 1900 – nach dem Verlag Neurdein Frères als zweitwichtigster Herausgeber bebilderter Postkarten in Frankreich.

(Die beiden unteren Bilder des Studios Léon & Lévy sind um 1900 in Portt Said entstanden).

Galerie Roger Viollet, 6, rue de Seine, Paris

www.roger-viollet.fr

Eingeworfen am 01.12.2021

1 Kommentar

  1. Was für ein inspirierender Artikel!
    Die Rue de Seine mit ihren vielen Galerien und schönen Geschäften gehört bei jedem Parisaufenthalt besucht, mit einem Rast in „La Palette“, bien-sûr.

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Silser Familienfotografien

Silser Familienfotografien

Autorin Barbara Liebster hat Silser Familien porträtiert, die bis ca. 1960 zugezogen sind. Als Grundlage dienten ihr...

Enge und weite Welt

Enge und weite Welt

Eine Fotoausstellung im Ausserrhoder Dorf Stein zeigt Bilder von Landschaften und Menschen in Afghanistan. Fotograf...

Die Suche nach dem Filmeinwurf

Die Suche nach dem Filmeinwurf

Dies ist eine Fotogeschichte aus Bern: «Eines Abends wollte ich einen Farbdiafilm, dessen rasche Entwicklung mir am...