Viewmasters Eltern

Stereo-graphoskop aus Scvhweizer Produktion

Autor: Michael Guggenheimer

Jetzt ist der Viewmaster auch im Schweizerischen Nationalmuseum angekommen. Und wie! Im wunderbar sortierten – und nicht billigen – Museumsshop wird der Viewmaster, wie man ihn in den 50er und 60er Jahren noch kannte, unter dem neuen Namen Optiviewer 3D verkauft. Drei erste Bildräder werden beim Kauf in der Grundpackung mitgeliefert: Dinosaurs 1, Space Journey und Jungle Stories heissen die je 14 Dias aufweisenden Räder. Und man kann noch weitere nachbestellen.

Nic Leonhardt beschreibt in seinem Buch «Durch Blicke im Bild» den Viewmaster folgendermassen: Viewmaster ist ein handliches (Plastik-) Betrachtungsgerät, das ermöglicht, einen kleinen runden auf Karton befestigten Filmstreifen mit Landschafts- oder Märchenszenen anzuschauen».

Die Betrachtung von zweidimensionalen Bildern mit Tiefenwirkung durch ein Stereobetrachtungsgerät, das heute ältere Leute über 65 seinerzeit noch in ihrem Kinder- oder Spielzimmer hatten, war etwas weniger als hundert Jahr zuvor eine ernstzunehmende Beschäftigung von Erwachsenen. Das Nationalmuseum zeigt in einer schmucken Ausstellung, wie sehr in den Jahren zwischen 1860 und 1910 die Stereoskopie, die räumliche Wiedergabe von zweidimensionalen Bildern, mithalf, die touristische Schweiz als Reiseland bekannt zu machen.

Als Kind, das bis zum elften Altersjahr die Grenzen seines Geburtslandes nicht überschritten hatte, kannte ich bereits die Akropolis, den Canal Grande und Paris von den Viewmaster-Bildrädern, die meine Eltern aus dem Ausland mitgebracht hatten, um mich gewissermassen dafür zu trösten und zu entschädigen, dass sie mich nicht auf ihren Reisen ins aufregende Ausland mitgenommen hatten. Der Viewmaster war mein Bildereinstieg in die aufregende fremde Welt der Sehenswürdigkeiten. An Schweizer Motive kann ich mich zwar nicht erinnern. Aber es gab sie sicher auch bei uns die Bilder von der Tellsplatte, von der Rütliwiese, vom Matterhorn und von den Bernhardinern im Tiefschnee mit ihrem Schnapsfässchen.

Die Stereoskopie mit ihren Sichtgeräten aus Holz wurde bereits in den 1850er Jahren zum ersten fotografischen Massenmedium. Und so wie viele vor wenigen Jahren noch die Smartphone-Fotografen mit Verachtung würdigten, so missfiel nicht wenigen die Popularität der Landschafts- und Städtebilder, die die Daheimgebliebenen und die Rückkehrer aus den Ferien in ihren Stereo-Bildbetrachtern anschauten.

Beim Betrachten von Stereobildern

Die Stereoskopie war in den Jahren nach 1860 zu einem weit verbreiteten Unterhaltungs-und Bildmedium geworden. Der Blick durchs Stereoskop auf die beiden Doppelbilder zeigt einen überraschenden Tiefeneffekt. Naturähnlichkeit und Detailgenauigkeit, heisst es in der Ausstellung, schaffen die Illusion von Echtheit, Lebendigkeit und Nähe. Professionelle Fotografen durchzogen damals mit ihren Stereokameras nicht nur die Schweiz auf der Suche nach Motiven für ihre Bilder. Schöne Exemplare von Bildbetrachtern und Stereokameras sind im Nationalmuseum zu sehen. Erstaunlich wie modern und kompakt manche Kameras aussehen, die aus jener Zeit stammen, in der Fotografen noch mit kiloschweren Holz-Kameragehäusen und Stativen von Dorf zu Dorf unterwegs waren, um Motive festzuhalten. Wie beliebt die Stereofotografie damals war, beweist die Tatsache, dass die amerikanische Firma Underwood & Underwood im Jahr 1901 an die 25 000 Stereokarten pro Tag herstellte. «Boxed Sets» hiessen die thematischen Sammlungen von Stereokarten, die man seinerzeit kaufen konnte: 30 und noch mehr Stereokarten zu einem Thema, die in einer Box verstaut werden, die so aussah wie ein Buch und die man im Büchergestell einreihen konnte.

Die alten schönen Stereo-Bildbetrachtungsgeräte in Holz und die Stereokarten aus der Zeit um 1900, sind Vorläufer der Bildrädchen, gewissermassen Eltern oder sogar Grosseltern des Viewmasters und des Optiviewers.

Die Ausstellung «Stereomania. Die Schweiz in 3D» dauert bis 17. Oktober 2021 und findet statt im Schweizerischen Nationalmuseum gleich neben dem Hauptbahnhof in Zürich. Im Neofelis Verlag ist eine schöne Publikation zum Thema erschienen: Nic Leonhardt, Durch blicke im Bild, Stereoskopie im 19. Und frühen 20. Jahrhundert.

siehe auch: https://filmeinwurf.ch/2020/07/28/vom-view-master-zum-optiviewer/

Eingeworfen am 6.08.2021

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