Schöne neue Bilderwelt

Screenshot von Instagram_repeat: Viele Bilder zeigen Menschen auf Stegen auf dem See

Autor: Michael Guggenheimer

Die Ausstellung «How to win at Photography» im Fotomuseum Winterthur zeigt Übergänge zwischen Fotografie, Computerspielen und Rechnern.

Hobbyfotografinnen und -fotografen kennen es: Sie haben Fotos gemacht, wählen ein Bild aus und posten es bei Instagram oder Facebook, manchmal sogar gleichzeitig bei beiden. Minuten später, spätestens Stunden später, melden sie sich wieder bei den Social media an und sind entweder enttäuscht, weil niemand oder bloss wenige (zu wenige) ihren Post gelikt haben, oder sie freuen sich ob der vielen Likes, die ihr Bild, vielleicht auch noch der angehängte Text bekommen haben. Es ist die Jagd nach Beachtung und Zustimmung, die sie antreibt, die Ferienlandschaft, eine Gruppe von Menschen, eine besondere Speise, ein Bild von sich ins Netz zu setzen. Über Bilder Kontakte finden. Und versuchen, die Kontaktzahl zu steigern: Das Zeigen von Fotografien gleicht in den sozialen Netzen dem Punkte-Gewinn-Verhalten bei Brettspielen.

Mittlerweile sind es nicht nur reale Menschen, die Bilder im Netz «bewerten» und Likepunkte verteilen können. In einer Ausstellung im Fotomuseum Winterthur zeigen die beiden Belgier Dries Depoorter und Max Pinckers, dass Geräte ebenso wählen können: Trophy Camera ist eine durch künstliche Intelligenz gesteuerte Kamera, die so programmiert ist, dass sie nur «preisverdächtige Fotos» aufnimmt. Trophy Camera wurde anhand der Bilder des World Press Photo of the Year Wettbewerbs der letzten 66 Jahre so programmiert, dass sie «preisverdächtige» Bilder erkennt und in der Lage ist, den fotografischen Erfolg eines Bildes zu berechnen.

Wie sehr der Erfolg von Bildern in den Social Media vorangetrieben werden kann, zeigt eine andere Arbeit aus der Ausstellung. Im Januar 2019 wurde auf dem Instagram-Account @world_record_egg das Bild eines Hühnereis vor weissem Hintergrund gepostet. Die Instagram-User_innen wurden aufgefordert, das Bild zu liken mit dem Ziel einen neuen Beachtungsrekord zu erreichen. Innerhalb kurzer Zeit wurde das simple Bild eines Eis unglaubliche 55 Millionen Mal gelikt! Fotografie, das zeigt dieses Beispiel, ist schneller, verbreiteter geworden, sie kann innerhalb von Sekunden eine Unzahl von Zuschauer_innen erreichen und Handlungen auslösen, solche spielerischer Art und solche auf der sozialen und politischen Ebene.

Wie raffiniert Fotografie in Verbindung zum Computer sein kann, zeigen andere Arbeiten in der Ausstellung des Fotomuseums: Der Amerikaner Justin Berry schafft es hyperrealistische Landschaftsbilder zu gestalten, ohne das Haus verlassen zu müssen. Er benutzt Landschaften aus populären Videospielen, die er ergänzt und weitergestaltet, so dass man in der Ausstellung eine Autostrasse sieht, die sich durch hügelige Wälder schlängelt und so real aussieht, dass man es nicht für möglich halten würde, dass Berry seine Landschaftsbilder vollends am Bildschirm kreiert, ohne eine herkömmliche Kamera oder ein Smartphone benutzen zu müssen. Justin Berry lässt Original und Kopie miteinander verschmelzen, wobei man als Zuschauer nicht mehr weiss, was hier Original und was Kopie ist. Wahrheit und Fiktion, Realität und Repräsentation verschmelzen hier.

Der irische Künstler An Butler benutzt Blumen und Blätter von Computerspielen, um mit einem Rechner ein botanisches Archiv anzulegen. In Filmsequenzen des 2014 verstorbenen deutschen Filmemachers Harun Farocki, die vor bald zehn Jahren erstellt wurden, kann man zuschauen, wie ein Künstler-Informatiker mit seinem Rechner Bilder aufbaut. Digital stellt er die Natur vor den Augen der Museumsbesucher zusammen.

Dass die Zahl der täglich hergestellten Fotografien im Zeitalter des Smartphones ins Unendliche gewachsen ist, wissen wir, die wir fast alle unseren Alltag mit unseren Geräten dokumentieren und unser Leben Freunden, Bekannten und Unbekannten vorführen. Die Amerikanerin Emma Agnes Sheffer zeigt auf drastische Art und Weise, wie wir unser Sehen anhand des Sehens anderer Menschen entwickeln und wie wir uns angleichen. Wir wissen zwar, dass unendlich viele Parisbesucher_innen den Eifelturm fotografieren (Vater, Mutter, Partnerin oder Partner vor dem Turm). Dass wir zu Tausenden aber auch Alltags- und Ferienszenen gleich sehen und gleich ablichten, zeigt Sheffer auf drastische Weise. Auf @insta_repeat zeigt sie Alltags- und Ferienszenen, die in den sozialen Netzen immer wieder zu sehen sind und sich in Variationen wiederholen: «Je mehr Likes und Shares, desto höher ist auch ihr Einfluss auf die Bildsprache. Diese wird von anderen Nutzer_innen weltweit nachgeahmt und so zu einer ungeschriebenen ästhetischen Spielregel, die letztlich eine Standardisierung mit sich bringt». Und so sieht man bei @insta_repeat unendlich viele Male dieselben Szenen an unterschiedlichen Orten von verschiedenen Menschen: Die Frau auf dem Steg am Teich, die Familie beim Lagerfeuer, das Paar bei untergehender Sonne usw. usw.

Dass Bildmaterial aus einem Smartphone-Spiel versuchshalber auch eingesetzt werden kann, um eine angebliche Realität vorzutäuschen, zeigt ein Tweet des russischen Verteidigungsministeriums in der Ausstellung. Im November 2017 postete das Ministerium auf Facebook und Twitter Bilder, die beweisen sollten, dass die amerikaischen Streitkräfte die Terrororganisation ISIS unterstützen. Bald stellte sich aber heraus, dass die Beweisbilder nichts anderes waren als bearbeitete Screenshots aus einem Smartphone-Spiel.

«How to win at Photography – Die Fotografie als Spiel» bis 10. Oktober 2021 im Fotomuseum Winterthur

Eingeworfen am 9.08.2021

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