Bilder von Schwestern, die sich nah sind

Zwei Schwestern. Ein Bild von Josef Aregger aus dem Entlebuch

Autor: Michael Guggenheimer

Josef Aregger (1902 -1996) war im Entlebuch von Dorf zu Dorf, von einem Bauernhof zum nächsten, mit seinem Motorrad unterwegs. Mit seiner sperrigen Kamera hat er die Menschen im Entlebuch fotografiert. Zwei Schwestern sind auf einer der Fotografien zu sehen. Aufgenommen wohl in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. An dieses Bild, Teil einer Ausstellung in Schüpfheim, erinnerte ich mich, als ich die Schwesternbilder im Zürcher Tagesanzeiger gesehen habe, die Sabina Bobst 95 Jahre später aufgenommen hat.

Sabina Bobsts Projekt trägt den Namen «Ein besonderes Verhältnis». Die Fotografin in Zürich hat zwei Schwestern, Simone und Eva. Alle drei sitzen sie auf einem Sofa in einem Wohnzimmer. Über die Wohnung, in der das Bild aufgenommen wurde, verrät das Bild nichts. Der Raum ist denn auch unwichtig. Hier geht es um die Schwestern und um ihre Beziehung zueinander. Wahrscheinlich war es der Selbstauslöser, der den Kameraverschluss ausgelöst hat. Die drei Schwestern unterhalten sich, sie lachen und berührende Sätze, die sie über ihre Beziehung zueinander gewechselt haben, sind unterhalb der Fotografie zu lesen. Sie zeugen von Nähe und Vertrautheit. «Ihr Schwestern seid extrem wichtig für mich. Das Wissen, dass ihr immer da seid – auch in schlechten Zeiten», sagt Sabina Bobsts Schwester Eva. Und Schwester Simone fügt an: «Es gibt in dieser Schwesternbeziehung keine Hemmungen, Kontakt aufzunehmen, wenn etwas ist». Ob wohl Beziehungen unter Brüdern auch so nah, so vertraut sein können, fragt man sich beim Betrachten der Bilder und beim Lesen der Dialoge. Ich selber kenne Schwestern, die sich mehrmals wöchentlich anrufen, die sich mehrmals im Jahr treffen, ohne dass ihre Partnerinnen oder Partner dabei sind. «Schwesterntag» nennen sie ihre halbjährlich stattfindenden Treffen.

Wohl ausgelöst durch ihre Beziehung zu ihren beiden jüngeren Schwestern kam die Fotografin auf die Idee, eine Fotoserie von Schwestern zu machen. Noch ist kein Buch entstanden. Dabei wäre man neugierig auf ein solches Buch. Aber eine Serie von schönen Bildern von Schwestern liegt vor. Und was die Bilder zusätzlich sprechen lässt, sind die Sätze, die die fotografierten Frauen über ihre Beziehung zu ihren Schwestern sagen. Sie sitzen alle auf einem Sofa oder auf einem Bett. Die Aufnahmen verraten wenig über die Räume, in denen die Bilder aufgenommen wurden. Bobst richtet den Blick auf die Frauen und lässt sie zudem zu Wort kommen. Sie alle haben noch einige Zeilen über ihr Verhältnis zu Protokoll gegeben.

Die Seute im Tagesanzeiger mit Schwesternbildern von Sabina Bobst

Da erzählen Schwestern, die alle mit Vornamen und Alter vorgestellt werden, dass sie sich gegenseitig besser kennen als ihre Partnerinnen oder Partner oder gute Freunde. Sie berichten davon, dass sie sich alles erzählen können, dass sie sich in schwierigen Situationen unterstützen, manchmal mit viel Einfühlungskraft die Stimmung ihrer Schwestern besonders gut deuten können. Zwei Schwestern haben einst gleichzeitig Tagebücher geführt und durften die Eintragungen gegenseitig lesen. Manche Schwestern verbringen regelmässig die Ferien gemeinsam. Zehn Fotos von Schwestern hat Sabina Bobst auf der Homesite des Tagesanzeigers veröffentlicht. Berührende Bilder sind es, berührende Sätze wie diese kommen da vor: «Sie weiss mehr oder weniger, alles von mir». «Bei ihr weiss ich, sie versteht mich». «Wir haben eine enge Verbindung zu einander, weil wir fast keinen Altersunterschied haben». «Man weiss: Wenn alles zusammenbrechen würde, dann hätten wir immer noch uns, eine Gemeinschaft». «Der Teppich der gemeinsamen Vergangenheit hält uns zusammen».

Die Schwestern sind einander Vertrauenspersonen, sie haben gemeinsame Erinnerungen. «Die Schwesternbeziehung ist häufig die längste Verbindung in einem Leben. Dieser Superlativ fasziniert mich – auch, weil ich selbst Schwestern habe und Töchter, deren Verhältnis ich genau beobachte», schreibt Fotografin Bobst zu ihrem schönen Projekt. In der Zeitung wurden die Bilder am 20. Juli 2021 veröffentlicht. Zu sehen auf https://www.tagesanzeiger.ch/ein-besonderes-verhaeltnis-313512126538

Sabina Bobst (51), gelernte Buchhändlerin, studierte Fotografie in Kalifornien, arbeitete mehrere Jahre als Bildredaktorin beim Tages-Anzeiger und suchte dann den Perspektivenwechsel. Seit 2001 arbeitet sie als freie Fotojournalistin in Zürich mit den Schwerpunkten Portraits, Architektur und Reportagen. 2016 schloss sie den Studiengang „Cultural Media Studies“ an der ZhdK mit dem MAS ab. Heute kuratiert und moderiert sie ausserdem Ausstellungen (Never Stop Reading in Zrich) und unterrichtet am MAZ (Studiengang Fotografie).

Eingeworfen am 20.07.2021

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