Das Fotomuseum von Kriens

Ein Ausstellungsraum im Museum Bellpark

Autor: Michael Guggenheimer

«Die Erfindung der Gemütlichkeit». Welch’ schöner Titel für eine Ausstellung. Zu sehen im Museum im Bellpark in Kriens bei Luzern. 

«Forum für Geschichte Kunst Fotografie Video» steht auf der Tafel vor dem Eingang der ehemaligen Villa «Florida», die 1911 vom international tätigen Hotelarchitekten Emil Vogt für den Krienser Industriellen Theodor Bell erbaut wurde. Die Bell Maschinenfabrik AG Kriens war ein Unternehmen zur Herstellung von Wasserturbinen, Seilbahnen und Stahlbrücken. Der Bellpark ist eine Parkanlage mitten im Ortszentrum. Sie wurde nach englischen Vorbildern als Landschaftsgarten angelegt. Auch wenn das Museum in der früheren Fabrikantenvilla sich in seiner Grösse nicht mit den Fotomuseen in Winterthur und Lausanne oder mit der Ausstellungstätigkeit im Bereich der Fotografie des Kunstmuseums von Le Locle oder mit dem MASI Lugano vergleichen lässt, ist es dennoch ein ernstzunehmender Ausstellungsort für die Fotografie in der Schweiz.

Die Ausstellungen des Museums überraschen immer wieder mit ungewöhnlichen Themen und Titeln. Wo gibt es schon Ausstellungen zur Autobahn in der Fotografie, zu den Strassenverläufen und -kreuzungen einer Gemeinde, zu Waldhütten und Baracken, zu Bunkern oder zu Mopeds? Fotografen haben diese Themen in ihrer Arbeit verfolgt, die Museumsleute stellen sie zu überraschenden Teilausstellungen zusammen. Die Fotografen, deren Arbeiten zu sehen sind, stammen in der Regel aus der näheren Region oder hatten ihre Ateliers in der Innerschweiz. Und auch wenn die Fotografien, die das Museum ausstellt, aus Kriens und Umgebung stammen, sie zeigen Szenen, die in anderen Ortschaften ähnlich aussehen, die auch dann spannend sind, wenn man als Besucher keinen Bezug zur Gemeinde Kriens hat. 

Wer wie ich in der Stadt über die Vielfalt der Bauweisen von Hütten auf Familiengarten-Arealen oder auf Wanderungen über die variantenreiche Architektur der Jäger-Hochsitze staunt, der staunt nicht minder über die Fotosammlung des Museums mit dem Titel «Waldhütten im Krienser Hochwald». Die Stadtverwaltung von Kriens hat seit Anfang der 1980er Jahre eine umfangreiche fotografische Dokumentation dieser Hütten in Auftrag gegeben. Im Abstand von drei bis vier Jahren wurden die Hütten durch das Baudepartement fotografisch aufgenommen. Der beauftragte Fotograf versah die Hütten mit einer Objektnummer, er hat jeweils den aktuellen baulichen Zustand festgehalten und die Bilder feinsäuberlich in Ordnern abgelegt. Die Hütten erzählen von den Sehnsüchten ihrer Erbauer nach Ruhe und Abgeschiedenheit. In der Edition Patrick Frey ist ein Buch mit dem Titel «Waldhütten» erschienen, in dem diese Fotografien zu sehen sind. «Die Fotografien mussten möglichst dann erstellt werden, wenn die Besitzer nicht anwesend waren – wir sehen also die Hütten verlassen daliegen, meist im frühen hellen Morgenlicht, oft mit geschlossenen Fenster- und Türläden», heisst es zum Buch. 

Beeindruckend sind die im Museum ausgestellten Arbeiterporträts, die Josef Laubacher in der Maschinenfabrik Theodor Bell aufgenommen hat. Der Industriefotograf Laubacher, in München zum Fotografen ausgebildet, hatte ab 1935 in Luzern ein Fotoatelier. Bei seinen fotografischen Arbeiten handelt es sich hauptsächlich um Auftragsarbeiten für zentralschweizerische Unternehmen, wobei seine Porträtaufnahmen besonders eindrücklich sind. Sie entstanden Anfang der 1940er Jahre. «Konzentration und körperliche Verrichtung sprechen immer gleichermassen aus den Bildern. Die Porträts aus der Maschinenfabrik verraten so eine grosse Wertschätzung gegenüber der Arbeiterschaft, für die es sonst eher selten eine Bühne im öffentichen Leben gab», schreiben die Ausstellungsmacher des Museums. 

Laubacher war gemeinsam mit Fotograf Otto Pfeifer im Organisationskomitee der «Weltausstellung der Photographie» in Luzern, die 1952 unter der Initiative des Verlags C.J.Bucher, der Herausgeberin der renommierten Foto-Zeitschrift Camera, Vorläuferin der späteren Weltausstellungen der Photographie der 1960er und 1970er Jahre war. Die Weltausstellung wollte der breiten Öffentlichkeit einen Überblick auf die Fotografie bieten. Die Themen der Ausstellung waren daher weit gestreut und reichten von der Fotografie in der Forschung, über die Amateurfotografie bis hin zu Mode- und Kunstfotografie. Die Luzerner Ausstellung war die erste vergleichbare Fotografieausstellung in Europa. Es waren viele der damals wichtigsten Fotografen vertreten. Gerade dank der Zeitschrift Camera und dank der Ausstellung kam Luzern in der Fotografie eine besondere Bedeutung zu. Mit der Zeitschrift «Camera» und der Weltausstellung der Photographie hatte sich Luzern früh als Fotografiestandort profiliert. Wenig bekannt ist: In Luzern hätte das erste Fotomuseum Europas entstehen sollen.

«Die Erfindung der Gemütlichkeit» als weiterer Ausstellungsteil des Museums im Bellpark gilt den Arbeiten von Architekt Otto Zeier, der das Atelier der Fotografen Gebrüder Friebel in Sursee  in en 1930er Jahren beauftragt hatte, seine neu entstandenen Bauwerke fotografisch zu dokumentieren. Die Aufnahmen, die in repräsentativen Alben Platz fanden, setzte Architekt Zeier bei der Anwerbung neuer Kunden ein. Zeier besorgte auch die Inneneinrichtung der Läden, Restaurants und Cafés, die in den neuen Bauten eingerichtet wurden. Er orientierte sich dabei an den sogenannten Heimatstil, bei dem Tradition und Moderne kombiniert wurden. «Mit ihrer beschaulichen Atmosphäre und den urigen Massivholzmöbeln rufen diese Fotos förmlich nach einer deftigen Mahlzeit – ein Lob der Gemütlichkeit» schreiben die Ausstellungsmacher. 

Das Museum Bellpark

«Menschen in der Teiggi» lautet ein anderer Bilderschwerpunkt im Museum. Während einer Zwischennutzugsphase in einer ehemaligen Teigwarenfabrik am Ort in der ersten Jahreshälfte 2014 hat Fabienne Ehrler die damaligen Mieterinnen und Mieter in ihren Ateliers und Werkstätten besucht und fotografiert. Die Porträts zeichnen ein buntes Bild der vielfältigen Aktivitäten, die in der früheren Fabrik stattgefunden haben. Mittlerweile steht auf dem Areal der ehemaligen Fabrik eine Genossenschaftssiedlung. Schon einige Jahre nach dem Abriss der Fabrik sind die Fotos zu einem historischen Dokument geworden, zu einem Dokument über eine kreative Zeit der Zwischennutzung. 

Museum im Bellpark. Luzernerstrasse 21, 6011 Kriens
Mittwoch bis Freitag: 14 bis 17 Uhr. Samstag und Sonntag: 11 bis 17 Uhr https://www.bellpark.ch

Eingeworfen am 6.5.2021

1 Kommentar

  1. Und jetzt noch ein Hinweis auf Versäumtes. Bin vor zwei Wochen achtlos durch Kriens hindurch gefahren in der Hergiswalder Bilderhimmel. Versäumtes kann man nachholen: nach dem Bilder- noch in den Krienser Fotohimmel, also: mit diesen himmlischen Filmeinwurfbeiträgen immer himmelwärts – welch eine Verheissung.

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