Kriegsfotograf im Sonntagshemd

Der Fotograf und sein Werk als Graphic Novel. Weshalb nicht? Florent Silloray, Autor von diversen Bandes Dessinées, hat das Leben des wohl berühmtesten Kriegsfotografen nachgezeichnet.

Endre Ernö Friedmann gehört zu den berühmtesten Fotografen. Nur kennt man ihn unter einem anderen Namen: Robert Capa (1913 – 1954), Kriegsfotograf. Über ihn wurde schon so viel geschrieben, es gibt über Capa Sachbücher und Romane. Schriftsteller Peter Härtling hat einer Fotografie ein Buch gewidmet. Es ist das Bild aus dem spanischen Bürgerkrieg, das Bild eines republikanischen Soldaten, der gerade von einer Gewehrkugel getroffen wird. Es hat zu Spekulationen und zu Kontroversen geführt. Hat Capa diese Situation vielleicht gestellt? Oder hat gar Capas Lebensgefährtin, die Fotografin Gerda Taro, die Aufnahme gemacht? «Die Wahrheit ist das beste Bild» lautet die deutsche Übersetzung von Florent Sillorays Graphic Novel, die ursprünglich in Frankreich unter dem Titel «L’étoile filante» erschienen ist. Der französische Begriff heisst übersetzt Sternschnuppe. Mit dieser Bezeichnung sollte der Lebensweg des Fotografen charakterisiert werden: Ein steiler Aufstieg und ein jähes Verglühen. 

Es ist klar: Silloray ist kein Forscher, kein Historiker, er stützt sich bei der Beschreibung von Capas Leben und Wirken auf Fotohistoriker, die über Capa geforscht haben. Zum Beispiel auf Richard Whelan, Autor gleich mehrerer Publikationen über Robert Capa. Was kann aber eine gezeichnete Version einer Biografie über den Fotografen leisten? «Wenn deine Bilder nicht gut sind, warst du nicht nah genug dran» lautet das Motto, mit dem Zeichner Silloray seine Bildergeschichte beginnt. Ein Satz, dem man als Fotografierender gerne beipflichtet. Silloray hat schon einmal eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg in gezeichneten Bildern erzählt. Es ist die Geschichte seines Grossvaters, der Kriegsgefangener war. Capas Leben zeichnet er in schwarzen Strichen und Weiss auf hellbraunem Grund, was dem Ganzen einen Eindruck von Chamoisfotografien verleiht. Sillorays Story beginnt in den Schweizer Alpen: Robert Capa weilt im Januar 1954 im Skiurlaub und ahnt, so will es jedenfalls der Zeichner, dass dies sein letzter Winter ist. Das ist wohl Spekulation. Der Zeichner will Neugierde und Spannung erzeugen. Capa ist müde, er schläft seit Wochen schlecht. Er hadert mit seinem Schicksal: Er weiss, dass er ein hervorragender Kriegsfotograf war. Doch gleichzeitig tingelt er seit einiger Zeit als Fotograf eines amerikanischen Magazins durch die Welt der vornehmen Seebäder. Zufrieden ist er nicht. 

Und dann rollt der Zeichner die Geschichte des Kriegsfotografen auf: Capa liegt im Bett und denkt zurück an den April 1936. Er weilt in seinen Gedanken mit Gerda Taro in einem Hotel in Paris. Die beiden Fotografen haben kein Geld. Gerda aber hat eine Idee: Endre Ernö Friedmann soll Zeitungen und Zeitschriften unter einem neuen Namen seine Dienste als Fotograf anbieten. Der griffige Name soll den besseren Verkauf der Bilder befördern. Taro ist der Künstlerinnenname von Capas Lebensgefährtin, eigentlich heisst die gebürtige Stuttgarterin Gerta Pohorylle. Weshalb Fotograf Capa seine ungarische Heimat verlassen hat, bleibt in der Comicversion unerzählt. Gerda tritt neu als Agentin des Fotografen auf, sie verkauft den Zeitungen seine Bilder. Bis herauskommt, dass Capas Name ein erfundener ist. 

Als der Bürgerkrieg in Spanien ausbricht, berichten die französischen Zeitungen zwar ausgiebig über die Kämpfe, bringen aber keine Fotografien. Das ist der Moment, in dem Gerda Taro und Robert Capa den Entschluss fassen, als Fotografen aus Spanien zu berichten. Zeichner Silloray fokussiert seine Geschichte um Capa, der zunächst die Demonstrationen in Barcelona fotografiert. «Zwei Monate schon sind wir hier und noch kein Bild kann einen Sieg über die Tyrannei der Franquisten feiern», denkt Capa in einem gezeichneten Bild von der Cordoba-Front im September 1936. «Gerda und ich sind ein Traumteam. Wir sprangen von einem Graben in den nächsten, möglichst nah an den Kämpfenden». 

Schon wenige Seiten nach Beginn der Bildererzählung zeichnet Silloray Capas berühmtestes Bild nach. Er macht dies allerdings aus einem anderen und überraschenden Blickwinkel: Anders als auf der berühmten Fotografie, auf der man den getroffenen Soldaten von vorne sieht, wie er nach hinten fällt, sieht man in der gezeichneten Version den knienden Capa, wie er seine Kamera auf den Soldaten richtet, der gerade getroffen wird und fällt. Capas Fotografie vom getroffenen Soldaten in der Zeitschrift Vu ist eines der meistveröffentlichen Kriegsfotos überhaupt und zählt zu den fotografischen Ikonen des 20. Jahrhunderts. Seltsam ist Capas Bekleidung in Sillorays Version. Er ist – mitten im Kampfgeschehen – im weissen Hemd, er wirkt so sonntäglich als sei er auf einem Ausflug, keinerlei Kriegsstimmung mag da aufkommen. Will der Zeichner damit die Version bestärken, wonach diese Fotografie nicht während einer Kampfhandlung gemacht wurde? Dazu heisst es bei Wikipedia: «Mitte der 1970er Jahre behauptete ein alter Kollege Capas, der ihn öfters in Spanien getroffen hatte, das Foto zeige eine nachgestellte Szene». In der erzählten Bildergeschichte kommt es zu Unstimmigkeiten zwischen Taro und Capa: Taros Bilder werden in den Zeitungen unter seinem Namen veröffentlicht. Was an den Zeichnungen auffällt: Capa fotografiert mit einer Leica, Taro arbeitet mit einer Rollei. 

Ein zweiter Höhepunkt in Capas fotografischer Arbeit ist die Landung der Alliierten in der Normandie am D-Day. Hier entstanden seine – neben dem Foto des gefallenen republikanischen Soldaten – berühmtesten Bilder. Was auf Capas Fotos für die Zeitschrift Life nicht zu sehen ist, sieht man als Leser der Graphic Novel: Capa wieder als Fotograf, Capa wie er die Kamera hält, sie vor dem Meereswasser hochhält und die vorrückenden Soldaten beim Verlassen der Landungsboote im Wasser wie sie im Wasser waten, auf die deutschen Befestigungen am Atlantikwall zurennen. Capa diesmal in militärischer Kleidung und mit einem Helm. Aus Paris berichtet Capa später, wo er die Befreiung der Stadt in Bildern festhält. Und aus Paris in der Graphic Novel dann wieder eine Wende in seinem privaten Leben: «In der Eingangshalle des Hotel Ritz trifft mich am 6. Juni 1945 der Blitz. Der Blitz heisst Ingrid Bergman, die die amerikanischen Truppen besucht. Sie steht im Glanz ihres gerade gewonnenen Oscars und ist der grösste Star der Zeit, der nun nach Paris kam». Die romantische Geschichte, die bei Silloray zeichnerisch erzählt wird, hat Schriftsteller Chris Greenhalgh in seinem 2012 erschienenen Roman Seducing Ingrid Bergman beschrieben.

Robert Capa an der Kamera

Doch zurück zu Gerda Taro und zu Capa im spanischen Bürgerkrieg. Während Capa zu Gesprächen mit seinen Auftraggebern nach Paris fährt, bleibt Taro in Spanien und fotografiert – jetzt zu unserer Überraschung mit einer Leica. Ihre Bilder werden nun unter ihrem Namen publiziert, und kaum, dass sie eine bekannte Fotografin geworden ist, kommt sie ums Leben: Gerda Taro wird während ihrer Arbeit als Reporterin von einem Panzer der republikanischen Truppen überfahren und stirbt. Zeichner Silloray zeigt einen verzweifelten Capa, der sich Vorwürfe macht, weil er sie in Spanien gelassen hat. 

Jetzt erzählt Capa in der gezeichneten Version seine Geschichte. 1939 übersiedelt er in die USA, wo er 1946 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhält. 1947 gründet er mit einigen weiteren Fotografen, unter ihnen Henri Cartier-Bresson, die Fotoagentur Magnum. Während der nächsten Jahre meidet er die Kriegsfotografie. 1954 kehrt Capa zur Kriegsberichterstattung zurück und übernimmt einen Auftrag der Zeitschrift Life als Fotograf im ersten Indochinakrieg. Zeichner Siloray zeigt französische Soldaten in ihrem Kriegseinsatz in den Reisfeldern Vietnams. Wieder ist Capa in der Graphic Novel ohne Helm und im weissen Hemd mit den Soldaten unterwegs. Als er gerade ein Bild schiesst, tritt er auf eine Mine und erliegt seinen schweren Verletzungen. Seine Kamera, jetzt ist es eine Nikon, liegt neben ihm, das Objektiv ist in der Comicversion blutverschmiert.  Wahrscheinlich hat Zeichner Silloray wenig Erfahrung als Fotograf. Das zeigt eine seiner Zeichnungen: Capa hält die Kamera so mit beiden Händen, dass er den Auslöseknopf mit der Linken auf der linken Seite des Kameragehäuses drücken müsste, sein rechtes Auge ist so platziert, dass er nicht durch den Sucher blicken kann. Aber das ist ja bloss eine Petitesse. 

Capa – Die Wahrheit ist das beste Bild, erschienen beim Verlag Knesebeck, Text und Zeichnungen: Florent Silloray, Übersetzung aus dem Französischen: Anja Kootz, 88 Seiten, Farbe, Hardcover
Ursprünglich als Capa – l’Etoile filante bei Casterman in Brüssel erschienen. Die beiden Zeichnungen stammen aus dem erwähnten Buch. 

Eingeworfen am 20.4.2021

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Flaneur mit Finger am Auslöser

Flaneur mit Finger am Auslöser

Im Film «Fabian oder Der Gang vor die Hunde» von Dominik Graf, der derzeit im Kino zu sehen ist, gibt es vor dem – nur...