Regina Altorfer, fotografierende Bildhauerin

Autor: Michael Guggenheimer

Wenn Bildhauerin Regina Altorfer ihre Werke ausstellt – und sie hat schon häufig ihre Werke in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, dann zeigt sie Plastiken. Im Alter von 17 Jahren entdeckte sie das Malen als wichtige Ausdrucksmöglichkeit. Seither hat sie, gelegentlich mit Unterbrüchen, regelmässig aquarelliert. Ein Medizinstudium hat sie absolviert, Psychiaterin ist sie geworden. Die Kunst liess sie aber nicht los: Erste Arbeiten in Stein im Jahr 1985, von dann an regelmässige intensive Weiterbildung in Bildhauerateliers sowie an der Bildhauerschule, der Scuola di Scultura, in Peccia im Valemaggia. 

«Ich bin keine Fotografin», sagt sie und steht inmitten einer Ausstellung von Fotografien, die sie gemacht hat. Und sie ergänzt: «Sagen wir lieber, ich bin eine fotografierende Bildhauerin». Während andere ihre Fotos bei Instagram ‘posten’ und hoffen, dass andere Fotografierende ihre Bilder möglichst häufig ‘liken’, geht sie einen anderen Weg. Jahre vor Instagram war eine Instamatic ihre erste Kamera. Im Alter von 12 Jahren hatte sie eine von ihrem Vater, einem Fotolithografen, bekommen. Mit den Jahren kamen eine Nikon und eine Canon hinzu. Im Auto sei stets eine Kamera im Handschuhfach bereit gelegen. Eine Beziehung zur Kunst ergab sich bereits in der Jugend über die im Nachbardorf wohnhafte Künstlerin Helen Dahm. 

Oft hätte sie das Auto angehalten, um etwas zu fotografieren, das ihr aufgefallen sei. Irgendwann ist sie wieder zu einem kleineren Kameraformat zurückgekehrt: Die Bilder, die sie derzeit zeigt, sind meistens mit dem Smartphone entstanden. Kein Grund für Bescheidenheit. Die Besucher ihrer Bilderausstellung in der Rahmenhandlung von Doris Weidmann an der Birmensdorfer Strasse in Zürich, verweilen lange im Atelier, kommen mit der Fotografin ins Gespräch. Freunde, die ihre Fotografien gesehen hätten, hätten sie dazu gedrängt, ihre Bilder auszustellen. Jetzt kommen sie vorbei, bleiben bei einem Bild stehen, stellen Fragen und lassen sich durch die Ausstellung führen. 

Ihre Bilder bearbeitet Regina Altorfer nicht am Computer. Farben und Stimmungen werden nicht nachgebessert. Einzig der Bildausschnitt wird dann und wann etwas verschoben. Die meisten der ausgestellten Bilder sind hochformatig. Befragt, wie ihre Plastiken und wie ihre Fotos entstehen, gibt sie zur Antwort: «Die Arbeit an einer Skulptur ist für mich ein meditativer Prozess, ein intensiver Dialog mit der Form oder dem zu Grunde liegenden Anliegen». Und sie fährt fort: «Die zukünftige Form bestimmt auch die Wahl des Materials und vor allem der Farbe des Materials. Meine Skulpturen sind meist reduziert auf Bewegung und Ausdruck. Die Formen sind oft rund, weiblich, stark geerdet und gleichzeitig leicht, fast schwebend». 

Wie anders dann der Weg ihrer Fotografien: «Ein interessanter Klecks beim Kochen, eine spannende Struktur am Boden oder sonst wo, ein witziges Detail einer Blüte, ein Wolkendrama oder ein Dinoskelett am Himmel. Das sind alles neu gesehene Ansichten des Alltäglichen, die mir plötzlich ins Auge stechen und mich zum Staunen, Bewundern oder Lachen bringen». Anders als beim Malen, wo es ihr darum gehe, wortlose Gefühle in eine Bildsprache zu fassen, oder bei der Arbeit als Bildhauerin mit Stein, wo es sich oft um Grundthemen des Lebens handle, gehe es ihr bei den Fotografien darum, einen flüchtigen Moment in seiner Schönheit, Dramatik, Rätselhaftigkeit festzuhalten. Dabei fällt auf, dass nicht wenige ihrer Fotografien Nahaufnahmen sind, manche muten fast mikroskopisch an, zielen aufs Detail, das man beim ersten Hinschauen nicht entziffern kann. Rätsel eben.

Eine rätselhafte Fotografie von Regina Altorfer

Regina Altorfer hat die ausgestellten Fotografien drucken lassen. Alle Bilder sind Kleinformate, wobei sie gerne das eine oder andere Bild auch gross, plakatgross, drucken möchte. Und sie hängen alle mit Wäscheklammern befestigt an Wäscheleinen. Die Hängung hat ein System. An einer roten Wand hängen die rätselhaften Bilder, «das Herzstück der Ausstellung», sagt die Fotografin. Es sind dies Naturbilder, Nahbilder, von denen man nicht immer sofort versteht, was sie genau zeigen. Menschen kommen auf den Bildern ebensowenig vor wie Häuser. Manche Bilder wirken wie aquarelliert. Die meisten Fotografien sind farblich zu Gruppen geordnet: hier die hellblauen, dort die pastellfarbenen und an einer anderen Wand die kräftigeren Farben. «Das Rätselhafte und die Schönheit des Alltäglichen» lautet der Titel der Ausstellung. Nicht selten ist denn auch der Blick der Fotografin ungewöhnlich: Schemenhafte rätselhafte Strukturen erweisen sich als Tagetesblüten hinter einem Kunststoffvorhang. Ein anderes Bild, dem man eine sexuelle Bedeutung geben möchte, erweist sich als ein Blütendetail. Bei einem andren Bild wiederum käme man nicht darauf, dass es sich hier um eine Nahaufnahme einer leeren Balsamicoflasche handelt. Mal sind es feinste Risse in einer Betonplatte, ein anderes Mal Risse in einem Glas oder man meint, Spuren im Sand, zu sehen, die sie mit der Kamera  festgehalten hat du die sich im Gespräch als etwas ganz anderes erweisen. 

«Das Rätselhafte und die Schönheit des Alltäglichen», Fotos von Regina Altorfer in der Rahmenhandlung an der Birmensdorferstrasse 201. Im Netz: rahmenhandlung.ch

Eingeworfen am 12.4.2021

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