Erwin Thurnher, der Fotograf aus dem Roman

Ein Fotograf, Figur in einem Roman der österreichischen Autorin Monika Helfer, erweist sich als nicht erfunden. Es gab ihn wirklich.

Monika Helfers neuer Roman «Vati» ist die Fortsetzung ihres viel gelobten Buchs «Die Bagage». Auch dieses Buch handelt von ihrer eigenen Familie. Vati, ihr Vater, ist ein Mann mit Beinprothese, ein Abwesender, früh schon ein Witwer, ein Pensionär, ein Literaturliebhaber. In Monika Helfers Kindheit leitet Vati in Vorarlberg ein Heim für kriegsversehrte Deutsche, die jeweils für eine gewisse Zeitdauer zur Erholung hinkommen. Das Heim liegt auf der Tschengla, einer Anhöhe gegenüber von Bludenz auf über 1200 Metern Höhe. In den Sommermonaten kommen die Einarmigen, Einbeinigen, Blinden, Verlassenen. Solche, die man nicht gerne sah. Weil sie an den Krieg erinnerten. Die im Weg standen. Bei uns hatten sie es lustig. Bei uns war Hochbetrieb und wir Kinder ließen uns necken. Kein Abend ohne Gesang. Und wir durften lange aufbleiben».“

Monika Helfer umkreist das Leben ihres Vaters und erzählt von ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Von dem vielen Platz und der Bibliothek im «Kriegsopfer-Erholungsheim», von der Armut und den beengten Lebensverhältnissen. Von dem, was sie weiß über ihren Vater, was sie über ihn in Erfahrung bringen kann. «Vati» ist ein Roman über das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen, eine Suche nach der eigenen Herkunft, ein Erinnerungsbuch. Im Buch kommt mehrmals ein Fotograf vor, er wird mit seinem Namen erwähnt. Und es gab ihn wirklich im Leben der Familie Helfer, erfinden musste die Autorin ihn nicht. 

Immer dann, wenn eine Gruppe von Gästen das Ferienheim wieder verliess, «wurde eine Fotografie gemacht. Erwin Thurnher, der Fotograf, wollte nicht nur einer sein, der knipst, er war ein Künstler und wollte ein Künstler sein, ein Regisseur». Etwas später im Buch schreibt Monika Helfer: «Der Fotograf wartete schon, die Invaliden warteten schon. Der Busfahrer sollte auch auf das Bild und wollte auch. Noch auf keinem Bild hatte er gefehlt. Auch ein Stück vom Bus sollte drauf sein. Der Fotograf arrangiert die Invaliden vor dem Kriegsopfererholungsheim. Im Hintergrund die Birken und die gedrehten Säulen vor der Haustür. Einige Männer setzen sich vor die anderen auf Stühle, das gehört zum Arrangement, so will es der Fotograf. Und vor uns allen, in der Mitte des Bildes, der Ziehharmonikaspieler, er hockt am Boden, die rechte Hand an den Tasten, die linke an den Bässen, den Balg grossspurig ausgefahren. Ich weiss, er konnte gar nicht spielen. Der Fotograf hat das Instrument aus dem Speisesaal geholt und es ihm an die Brust gedrückt und ihm die Arme und Finger gerichtet. Der Mann wusste nicht einmal, wie er das Ding halten soll». Und immer wenn eine solche Aufnahme gemacht wurde, musste die Familie Helfer auch mit aufs Bild. 

Ich weiss nicht weshalb ich bei der zweiten namentlichen Erwähnung des Fotografen zum Tablet griff und den Namen Erwin Thurnher eingab. Wie erstaunt ich dann war: Erwin Thurnher hatte es wirklich gegeben. Und er war ein Fotograf zu jener Zeit und in jenem Gebiet, in dem Monika Helfer als Kind gelebt hat. Fotograf Thurnher kam jeweils mit dem Bus, der die Gäste abholen sollte, beim Heim an. Die Bilder, die er jeweils vor dem Kriegsversehrten-Heim aufnahm, gibt es immer noch. 

Wer war Fotograf Erwin Thurnher, der in Monika Helfers Buch zu literarischen Ehren kommt? Ich bin auf seinen Sohn, auf Hanno Thurnher, Fotograf und Filmer wie sein Vater, gestossen. Geboren wurde der Fotograf aus dem Roman im Juni 1922 in Dornbirn. Nach dem Abitur nahm er das Studium der Chemie auf, wurde dann aber 1941 in die Wehrmacht einberufen und diente als Soldat in Norwegen und Russland. Im Januar1943 erlitt er schwere Erfrierungen. Nach Lazarettaufenthalten in Krakau und Prag wurde er 1943 als „Schwerkriegsbeschädigter“ aus der Wehrmacht entlassen. Im Herbst 1945 wurde ihm vom Landesinvalidenamt in Bregenz eine Stelle angeboten. Thurnher arbeitete dort als Beamter bis zu seinem Tod im September 1971. 

Neben der Arbeit war die Fotografie Thurnhers grosse Passion. Ende 1949 schaffte er sich eine erste Fotoausrüstung an und begann Bilder von seiner näheren Umgebung zu machen. Er richtete sich zu Hause – eigentlich in einem Gartenhäuschen – ein Labor ein, um S/W Negative zu entwickeln. Akribisch erarbeitete er sich das nötige fotografische Wissen. Thurnhers zweite Existenz war diejenige als Fotograf, er machte Aufnahmen bei Familienabenden, Faschingsveranstaltungen, er nahm Gruppenbilder bei Firmenausflügen auf. Im Zentrum seines fotografischen Interesses standen aber schon damals Naturaufnahmen und Stimmungsbilder in Vorarlberg. Seit dem Frühjahr 1955 kam es zu einer Zusammenarbeit mit dem Landesverband für Fremdenverkehr in Vorarlberg, eine Zusammenarbeit, die bis zu seinem frühen Tod im September 1971 stattfand. Er bot seine Bilder auch überregionalen Blättern an. Ab 1957 arbeitete er nebenher für die Vorarlberger Nachrichten, publizierte neben Fotografien auch Texte. Es entstanden so Aufnahmen, die den beginnenden, rasanten Aufbau des Vorarlbergs im Bereich Straßenbau, Bau von öffentlichen Einrichtungen und anderen Bautätigkeiten zeigen. Es sind Aufnahmen, die Historiker gut gebrauchen können, weil sie die Veränderungen in Vorarlberg dokumentieren. 

Monika Helfer als Kind (links) fotografiert von Erwin Thurnher

Zwei Gebiete des Vorarlbergs sind in den gut 20 Jahren des fotografischen Schaffens von Erwin Thurnher immer wieder Ziel seiner Wanderungen und Aufenthalte: Es ist die Tschengla oberhalb von Bludenz, wo sich das Heim befand, dessen Leiter Monika Helfers Vater war. Und es ist das Gebiet um die Alpe Laguz im Großen Walsertal. Dass das umfangreiche fotografische Werk von Erwin Thurnher erhalten geblieben ist, ist seinem Sohn Hanno zu verdanken. Er hat im Dezember 2018 begonnen das Fotoarchiv seines Vaters aufzuarbeiten. Insgesamt hat er knapp 5500 Schwarz-Weiss-Negative und ca. 2500 Dias digitalisiert. Umwelteinflüsse, aber auch eine kurzfristige, schlechte Lagerung haben dem Dia-Archiv stark zugesetzt und umfangreiche und eine zeitaufwendige Restaurierung notwendig gemacht. Schriftstellerin Monika Helfer hat dem Fotografen Erwin Thurnher in ihrem Roman ein kleines Denkmal gesetzt. 

Grosses Bild: Eine Gruppe von Kriegsversehrten, Gästen des Heims, dessen Leiter Monika Helfers Vater war, posiert für den Fotografen Erwin Thurnher. Im Bild ist auch der Akkordeonspieler zu sehen, der im Romantext vorkommt. Kleines Bild: Monika Helfer (links) und ihre ältere Schwester. Beide Aufnahmen mit freundlicher Genehmigung von Fotograf Hanno Thurnher, Dornbirn. www.thurnher.at

Eingeworfen am 12.04.2021

1 Kommentar

  1. Theres Roth-Hunkeler

    Unglaublich gut, wie da der Faden aus dem Buch aufnommen und weiter recherchiert wird. Oft ist es umgekehrt: Aus der Realität wird Literatur. Und hier wird aus Literatur ein Stück Realität. Zu den Bildern, die wir uns als Lesende machen, kommen zwei reale Bilder, die den Text noch auf andere Weise unterfüttern. Diese Verschränkung beeindruckt und freut mich!

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