Veronika, Schutzpatronin der Fotografen

Veronika mit dem Schweisstuch. Gemalt von Hans Memling

Autor: Michael Guggenheimer

Dass Fotografen eine Schutzpatronin, eine Heilige haben, war mir nicht bekannt. In keinem meiner Fotobücher, in keiner Fotoausstellung, in keinem Fotomuseum, bei keiner Kirchenbesichtigung war mir je begegnet, dass Fotografen eine eigene Schutzpatronin haben sollen. Es war Marielle, die während der Verrichtung einer Hausarbeit mit einem Ohr einer Quizsendung des französischen Fernsehens folgte, bei der die Frage gestellt wurde: «De qui Véronique est-elle la patronne?», von wem ist Veronika die Schutzpatronin? Marielle leitete mir noch am selben Tag, am 4. Februar, nach katholischer Tradition der Namenstag der heiligen Veronika, die Frage weiter, weil sie weiss, dass Fotografie eine Passion von mir ist. Ich konnte ihre Frage nicht beantworten.

Jetzt weiss ich’s auch. Und ich staune über die breitgefächerte Zuständigkeit der heiligen Veronika , die gemäss Auskunft des Bistums Augsburg multiple Schutzpatronin ist der Fotografen, der Pfarrhaushälterinnen, der Wäscherinnen, der Leinenweber und Leinenhändler sowie der Weißnäherinnen. Heilige der katholischen Kirche scheinen wirklich vielfältig schützend zu wirken. Ich gebe versuchshalber die Begriffe ‚heilig‘ und ‚Friseur‘ bei Wikipedia ein und entdecke, dass Maria Magdalena die Schutzpatronin ist der Frauen, der Verführten, der reuigen Sünderinnen, der Schüler, Studenten und Gefangenen sowie der Winzer und Weinhändler, der Handschuhmacher und Friseure. Alle Achtung! Das ist so vielfältig wie eine Versicherungspolice!

Ich erinnere mich, im Jahr 2007 einige Tage in Turin verbracht zu haben. Ich war sogar im Turiner Dom, in dem das Schweisstuch der Veronika aufbewahrt und gezeigt wird. Ein Fehler, dass ich das Schweisstuch nicht fotografiert habe. Damals wusste ich noch nicht, dass auch andere katholische Kirchen die Aufbewahrung des wahren Schweisstuchs beanspruchen. Es muss eine ganze Tuchwäscherei sein, wenn man alle die Kirchen zusammenzählt, in denen das Schweisstuch der Veronika aufbewahrt wird. Ich schaue meine Fotografien von damals an und finde keinen Hinweis auf eine Beziehung von Veronika zu meiner Kamera. Ich erinnere mich daran, in Autos gesessen zu haben, in denen am Armaturenbrett ein des heiligen Christophorus klebte, der Schutzheilige der Autofahrer sein soll. Eine Kamera mit einem kleinen Bild der heiligen Veronika? Nie gesehen. 

Peter Michels beschreibt im fotoMAGAZIN vom 4.2. 2021 die Beziehung der heiligen Veronika zur Fotografie besser und kompetenter als ich das könnte, weshalb ich ihn zitiere: »Ursprünglich bedeutet Veronika: die Siegbringende. Im Laufe der Zeit veränderte sich die Deutung des Wortes, in dem die Begriffe „Vero“ (Latein: wahr) und „Eikon“ (altgriechisch für Bild) stecken. Als einst ein Schutzpatron für die Fotografie gesucht wurde, lag die heilige Veronika mit der Suggestion des „wahren Abbildes“ nahe.

Wenn am Karfreitag in katholischen Prozessionen der Leidensweg Christi begangen wird, dann gilt die sechste Station der Geschichte vom Schweißtuch der heiligen Veronika. Als Jesus unter der Last des Kreuzes zusammenbrach, soll Veronika ihm mit einem Tuch das Gesicht gereinigt haben. Auf wundersame Weise sollen darauf anschließend das Gesicht und die Wunden der Dornenkrone erschienen sein. Dieses Tuch ist eines von fünf Tüchern, welche ein Abbild des Erlösers zeigen sollen. In der Bibel wird man diese Geschichte jedoch vergeblich suchen.

In den Überlieferungen der koptischen Kirche aus dem 6. Jahrhundert wird Veronika namentlich genannt. Sie soll mit diesem Schweißtuch mit dem Abbild Christi den römischen Kaiser Tiberius vom Aussatz geheilt haben. Die eigentliche Legende um das Abbild auf dem Tuch der Veronika und dem Kreuzweg kommt erst im 12. Jahrhundert in unseren Kulturkreis. Seitdem wird ein ihr zugeschriebenes Tuch im Petersdom aufbewahrt. Jedes Jahr Mitte Januar wird die Reliquie den Gläubigen gezeigt. Es ist naheliegend, dass Berufsgruppen, die auf wundersame Weise Abbilder schaffen, dieser Patronin zugeordnet werden». So weit Peter Michels. 

Wikipedia weiss zum Schweisstuch noch weitere Details: Da das Tuch zusammengelegt gewesen sei, so seien, heißt es, drei gleiche Abdrücke des Gesichts entstanden, von denen einer in Jerusalem geblieben, die anderen nach Rom und Jaén in Spanien gekommen seien. Aber noch etwa zehn andere Städte erheben Anspruch, solche Abdrücke zu besitzen. Eine lange als das echte Schweißtuch verehrte Kopie wurde 1721 dem Habsburger-Kaiser Karl VI geschenkt und ist heute in der Schatzkammer der Wiener Hofburg öffentlich zugänglich. Das Wiener Schweißtuch ist mutmaßlich eine von fünf bekannten Kopien, die im Jahre 1616 vom damaligen vatikanischen Schweißtuch angefertigt wurden. Aber auch Turin beansprucht, der Ort zu sein, an dem sich das wahre Schweisstuch der Veronika befindet. So der so: Hauptsache ist, dass nicht nur die Pfarrhaushälterinnen, die Wäscherinnen, die Leinenweber und Leinenhändler und Weißnäherinnen eine zuverlässige Patronin haben, sondern auch die Fotografen. 

Der zitierte Peter Michels unterrichtet Kamerabau, historische Fotoprozesse und Analogfotografie. Als Kurator konzipierte er die Werkschau PHOTO an den Standorten Zürich und München.

Eingeworfen am 19.07.2021

1 Kommentar

  1. Um diese Schutzheilige wird in Italien viel Aufhebens gemacht, immer wieder. Schön diese zusammenfassende Darstellung und Neuigkeit, dass sie auch Schutzpatronin der Fotografen ist.

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