Im Café Mersand getroffen

Die Damen vom "Club" im Café Mersand in Tel Aviv

Autor: Michael Guggenheimer

Der Ort hat den dritten Lockdown nicht überlebt. Bereits beim zweiten hat der Besitzer des Cafés Mersand in Tel Aviv angekündigt, dass ihm der finanzielle Atem für eine Zukunft des Cafés fehle. Am 30. Dezember 2020 wurde das Café Mersand an der Ecke Frishman / Ben Yehuda nach 65 Jahren aufgegeben. Geschlossen war es eh schon, denn Restaurants und Cafés mussten in Israel vor kurzem zum dritten Mal dichtmachen. 

Mersand war ein besonderer Ort. Hier traf sich während Jahrzehnten der «Club». Das waren zu Beginn die zwölf älteren Damen (und zwei ältere Herren), alle über achtzig Jahre alt, die gegen 10 Uhr eine nach der anderen eintrafen, ehemalige Dresdnerinnen, Wienerinnen, Berlinerinnen oder Kölnerinnen, die in den dreissiger Jahren rechtzeitig vor dem Zweiten Weltkrieg Deutschland und Österreich hatten verlassen können, um im britischen Mandatsgebiet Palästina ein zweites Leben zu beginnen. Sie wohnten in der Gegend des Cafés, trafen sich hier mehrmals die Woche, wo ihnen zwei Tische reserviert wurden. Sie alle sorgfältig geschminkt, Ringe mit Diamanten an den Fingern, Armreife und Ketten. Zwei Stunden verbrachten sie im Café, sprachen ein von hebräischen Begriffen durchsetztes Deutsch oder ein Hebräisch mit starkem deutschen Akzent. Mit den Jahren und mit dem Alter wurden sie eine nach der anderen hinfälliger. Sie wurden von ihren Filipinas ins Café begleitet und nach zwei Stunden wieder abgeholt. Dass neben ihnen Filmemacher, Journalisten, Schriftsteller, Webdesigner und Touristen die anderen Stammgäste des Cafés waren, machte das Café Mersand über Tel Aviv hinaus bekannt. Günter Jauch, deutscher Fernsehmoderator und Entertainer, hat die Damen des «Clubs» im Mersand besucht, weil ihm zugetragen wurde, dass sie sich nach jedem Wochenende über ihn und seine TV-Sendung unterhielten. Die Süddeutsche Zeitung und die Berliner Zeitung sowie die Zeitschrift Annabelle haben über Café und Club ebenso berichtet wie ich, der ich meinem Buch über Tel Aviv den Titel «Hafuch Gadol und Warten im Mersand» gab. 

Jetzt ist’s vorbei. Drei israelischen Zeitungen war die Schliessung des Cafés einen Text wert. Boaz Tragerman, seit fünf Jahren Besitzer des Cafés, meinte in der Zeitung Yedioth Achronot, dass ihm nach der dritten  coronabedingten Schliessung des Cafés die Mittel und die Kraft für die weitere Zukunft des Cafés fehlen. Mersand gehörte mit der Konditorei Albert und dem Café Tamar zu den letzten Caféhäusern Tel Avivs aus der Blütezeit der Jeckes, der deutschsprachigen Einwanderer des Landes. Walter Mersand, ein Triestiner Jude, war der Gründer des im Jahr 1955 eröffneten Cafés. Miki Mersand, sein Sohn, hatte das Café übernommen, vor fünf Jahren ist er gestorben. Boaz Tragerman und eine Crew junger Leute hatte das Café bis zuletzt geführt. Freunde von mir, die mein Tel Aviv Buch kannten und die Stadt besucht haben, haben mir jeweils Fotos vom Café geschickt. Bei jedem meiner Israelreisen habe ich Mersand aufgesucht, mindestens einen Hafuch Gadol, einen grossen Milchkaffee, getrunken und zwei wunderbare Croissants gegessen, die Tageszeitung Ha’aretz gelesen und auf die «deutschen Damen» vom «Club» gewartet. Ihre Zahl wurde immer kleiner, mit den Jahren gab es Tage, da nur zwei von ihnen aufkreuzten. Denn auch sie wurden nicht jünger. 2013 habe ich ihnen und weiteren Besucherinnen und Besucher im Café mein Tel Aviv-Buch vorgestellt und daraus vorgelesen. Meine Lesung musste ich mehrmals unterbrechen, weil ihnen dauernd weitere Details aus ihrer eigenen Caféhausgeschichte eingefallen sind. 

Leser im Café Mersand in Tel Aviv

Weshalb ich dazu komme, über die Schliessung eines Caféhauses in Tel Aviv in einem Blog über Fotografie und Fotografen zu schreiben? Einerseits will ich eine letzte Verbeugung vor dem Ort schreiben, der ein wunderbarer Treffpunkt war und dessen Einrichtung in all den Jahren unverändert geblieben ist. Andererseits habe ich in diesem Café mit seinen niederen Tischen und Hockern – richtige Stühle gab es nur für die Damen vom Club – die Fotografin Naomi Leshem kennengelernt. Sie kam mit einer Mappe mit grossen Farbfotos ins Café, wir kamen ins Gespräch und sie zeigte mir ihre Bilder von «letzten Orten», von Orten, an denen man zum letzten Mal einen Menschen gesehen hat, der aus Schwäche gestorben, tödlich verunfallt, abgestürzt oder ermordet wurde. Sie hat die letzten Orte fotografiert und mit Angehörigen der Verstorbenen gesprochen. Auf die Idee, eine solche Bilderserie zu machen war sie Jahre nach dem Absturz ihres Mannes gekommen, eines Düsenpiloten. Ich war vom Konzept und von den Bildern so überzeugt, dass ich Naomi Leshem dem Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher Peter Röllin und der Galeristin Sylva Denzler erzählte, beide waren die Türöffner für die israelisch-schweizerische Fotografin, deren erste Ausstellungen ausserhalb Israels in Zürich und Rapperswil stattfanden. Zwei Bildbände mit ihren Fotos haben Peter Röllin und ich veröffentlichen können, mittlerweile hat Naomi Leshem als Fotografin in mehreren anderen Ländern ihre Arbeiten zeigen können. 

Vielleicht werde er zu einem späteren Zeitpunkt ein Café mit demselben Namen eröffnen, sagte Besitzer Tragerman. Dem hebräischsprachigen Publikum erklärte er in der Zeitung den Namen des Cafés: Mersand sei ein deutsches Wort und bedeute Sand vom Strand, eben Meersand. Was ihm nicht bekannt war:  Mersand ist ein alter jüdischer Familienname aus Triest und heisst nichts anderes als Marchand, Kaufmann.

«Hafuch Gadol und Warten im Mersand», ein Buch voller Geschichten und Fotografien aus und über Tel Aviv,  ist bei der edition clandestin, Biel erschienen. Die beiden Bände mit Fotos von Naomi Leshem heissen Sleepers und Runways und sind beim Verlag Benteli erschienen. Die drei Bücher können in jedem Buchgeschäft bestellt werden

Eingeworfen am 01.12.2021

 Rachel Chalfi: Blinde Passagierin

Das Gedicht der israelischen Lyrikerin Rachel Chalfis über die betagten Damen vom „Club“ im Café Mersand erschien in der Tageszeitung Ma’ariv. Oded Fluss, Bibliothekar der ICZ Bibliothek in Zürich, hat es in einer alten Ausgabe entdeckt, Anne Birkenhauer, literarische Übersetzerin in Jerusalem, ins Deutsche übersetzt. Herzlichen Dank den beiden!

Befinde mich im Café Marsend /
summe wie diese alten Frauen /
die um winzigen Tischen sitzen /
vorsichtig Sahnetorten lecken /
zitternd mit flammendem Rot /
ruinierte Lippen bestreichen  /

Finde mich geschäumten Kaffee trinken mit sehnendem Mund /
schicke die letzten meiner Sinne /
sich an die Wonne klammern /
bevor ich ertrinke /

Finde mich in dem großen Spiegel      gegenüber /
verberge in meinem überheblichen Leib /
eine steinalte Frau      geängstigt /
ihr Herz schlägt schlägt /
gekrümmt vor Schrecken /

blinde Passagierin

Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer

6 Kommentare

  1. Das Interieur des Cafés Mersand kommt mir bekannt vor. Ich wusste selbst allerdings nichts über die Geschichte des Cafés und seiner Gäste und schon gar nicht über den Ursprung des Namens, sondern ich hatte einfach die leckeren Dinge im Auge, die es da zum Frühstück gab.. Als ich etwas an der Theke bestellen wollte, reagierte der junge Mann an der Kasse leicht ungehalten – er werde schon vorbeikommen und die Bestellung aufnehmen. Das alles hätte ich vergessen ohne das Bild und diesen Beitrag im Filmeinwurf.
    Das Ameublement des Cafés hat mich etwas an die ‚Tearooms‘ erinnert, die es in meiner Jugend fast an jedem Ort in der Schweiz gab. Ich hoffe, dass das ‚Mersand‘ – anders als fast alle Tearooms, die längst verschwunden sind – nach Ende der Pandemie ohne allzu grosse Veränderungen wieder neu eröffnet und seine Geschichte weitergehen wird.

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  2. Der Text über das Mersand erinnert mich an das Gedicht von Hans Sahl, zwar zweifellos nicht auf ein Café gemünzt, aber wie mir scheint dennoch „passend“:

    Hans Sahl Strophen

    Ich gehe langsam aus der Welt heraus
    in eine Landschaft jenseits aller Ferne,
    und was ich war und bin und was ich bleibe
    geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
    in ein bisher noch nicht betretenes Land.

    Ich gehe langsam aus der Zeit heraus
    in eine Zukunft jenseits aller Sterne,
    und was ich war und bin und immer bleiben werde
    geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
    als wär ich nie gewesen oder kaum.

    Antworten
    • Lieber Herr Guggenheimer, vielen Dank für diesen schönen – und traurigen – Text. Sie haben diesem wunderbaren Ort schon ein Denkmal gesetzt in Ihrem großartigen Buch.
      Ich war leider noch nie in Tel Aviv. Das Café mit diesen alten, feinen Jeckes-Ladies ist in meinem Herzen irgendwie immer ein Sehnsuchtsort gewesen. Leider haben wir uns in diesem Leben wohl verpasst.

      PS. Haben Sie eigentlich noch mehr Fotos aus dem Café und lebt noch eine der Damen, die so gerne Wer wird Millionär?“ geschaut haben?

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  3. So schade ! Nichtmersand….
    Auf dem Weg zum Strand machten wir jeweils Halt im Mersand für einen Kaffee Hafuch Gadol, katan oder Dal Shuman.

    Haju smanim……

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  4. Als ich mit Michael Guggenheimer zusammen in Tel Aviv ankam, parkten wir das Auto und zogen gleich weiter ins Mersand. Wir bestellten, wie könnte anders sein, einen Hafuch Gadol. Leider musste Michael auf seinen wirklich lange warten. Er wurde schlicht vergessen. Dafür gab es dann zwei leckere „Mailänderli-Herzen“. Und ja, auf dem Foto oben sieht man die beiden Herren bei der Zeitungslektüre. Was für eine schöne Erinnerung! Und wie schade bei einem künftigen Besuch nicht schon einen vertrauten Ort zu haben.

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  5. Man sollte Hannah Mersand nicht vergessen. Während Walter Mersand als Vertreter gearbeitet hat, hat sie in den ersten Jahren das damals noch sehr kleine Kaffeehaus praktisch alleine geführt. Am Anfang gab es nur 3 vielleicht 4 kleine Tische. Die Hocker waren notwendig damit man diese, wenn es keine Sitzkunden gab unter die Tische schieben und so mehr Platz schaffen konnte.

    Ich erinnere mich an die leckeren Kuchen, die damals von einer Reihe mitteleuropäischer Frauen für die Meersands gebacken und im Kaffeehaus verkauft wurden. Dadurch haben Viele ihr bescheidenes Einkommen ein wenig aufbessern können und die Gäste konnten sich an den vertrauten Leckereien aus Wien, Prag, Budapest oder Berlin delektieren.

    Alles war so viel bescheidener und weniger streng reguliert wie heute,

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