Der Luxus der Anderen

Hotelzimmer in Venedig
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Autor: Michael Guggenheimer

Der Privatbereich von anderen Menschen hat die französische Künstlerin Sophie Calle seit jeher interessiert. In ihren Fotoprojekten ist sie mit der Kamera fremden Menschen nachgegangen. In ihrem Projekt Hotel arbeitete sie als Zimmermädchen in einem Hotel in Venedig, wodurch sie die Gegenstände und Schriftstücke der Hotelgäste erforschen und ihre Zimmer fotografieren konnte. 

Für die Lebenswelt ihr unbekannter Menschen interessiert sich auch die ungarische Künstlerin Andi Schmied, die einen Bildband veröffentlicht, in dem die Wohnwelten reicher New Yorker zu sehen ist. Ebenso wie Sophie Calle in manchen ihrer Projekte hat sich Schmied eine zweite Identität zugelegt, mit der sie sich die Möglichkeit verschaffte, private Wohnwelten fremder Menschen anzuschauen und zu fotografieren. In einem Interview mit Johanna Adorjan in der Süddeutschen Zeitung beschreibt Fotografin Schmied, wie sie zu ihren Fotos gekommen ist. 

«Private Views» heisst das Buch, das Andi Schmied zusammengestellt hat. Entstanden sind die Bilder in den Luxusappartements in den obersten Stockwerken der New Yorker Wolkenkratzer. Spektakulär ist die Aussicht, die man von diesen Luxusappartements hat. Nur scheint man sich mit der Zeit an diese Aussichten zu gewöhnen. Die Wohnungsbesitzer nehmen nach einer bestimmten Zeit die spektakuläre Aussicht kaum mehr wahr. Manche dieser Luxuswohnungen verfügen auch über einen Whirlpool mit Skyscraper-View. Schmied hat ursprünglich Architektur studiert, von daher das Interesse an den Wohnstätten der Reichen und an den Wolkenkratzern Manhattans. Entstanden ist das Interesse an den Wohnungen in luftiger Höhe vor einigen Jahren während eines mehrmonatigen Kunststipendiums Schmieds in New York. Aber als eine interessierte Fotografin hätte sie die Fotos der Wohnungen der Superreichen, die im Bildband versammelt sind, niemals machen können. Die Fotografin legte sich für ihr Vorhaben einen neuen Vornamen zu, stellte eine Freundin als Assistentin an, engagierte einen befreundeten echten reichen Antiquitäten- und Kunsthändler mit einer existierenden echten Homepage als ihren (nur für diesen Zweck fungierenden) ungarischen Ehemann. Und damit alles nach superreich auch riechen könnte, wurde ein privater Koch «angestellt». So ausstaffiert meldete sie sich die gemachte «Multimillionärin» bei den Wohnungsinhabern und Immobiliengesellschaften als begüterte europäische Kaufinteressentin. 

Das Zulegen eines reichen Ehemannes erwies sich als besonders wirksam, weil sie wiederholt von den Besitzern nach ihm gefragt wurde. Der SZ-Journalistin Adorjan berichtete sie, dass sie ohne diesen «Ehemann» niemals Zutritt zu den Wohnungen der Superreichen erhalten hätte. Darauf wie luxuriös die besuchten Wohnungen in den obersten Stockwerken der 400 Meter hohen Wolkenkratzer waren, weist der monatliche Mietspreis von 60 000 Dollar in einer Wohnung, die die Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron entworfen haben. Auf die Frage der Journalistin, ob sie ungehindert habe fotografieren können, gab Schmied zur Antwort: «Aber ja. So viel ich wollte, ich sollte meinem Ehemann alles zeigen.»

Andi Schmied (34) hat Fotoprojekte in verschiedenen Ländern realisiert. In Tel Aviv hat sie «Tel Aviv Grannies» fotografiert: Eine Bilderfolge von aus Europa in den 30er Jahren eingewanderten Frauen. Einer Ortschaft mit Wohnungen für reiche Chinesen in der Nähe von Beijing galt ein weiteres Projekt. Die im Jahr 2002 erbauten Wohnungen in Jing Jin wurden nie bezogen. «Private Views – A high-rise panorama of Manhattan» von Andi Schmied erscheint im Januar 2021, erhätlich über andischmied.com, Herausgeber ist die Prager Galerie VI PER. Im Bild ein heimlich fotografiertes Hotelzimmer in Venedig. 

Eingeworfen am 25.10.2021

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