Perfekte Illusionen

Ich gebe es zu: auch ich habe mich schon an besonderen touristischen Orten dort hingestellt, wo die lokale Tourismusorganisation einen Selfie Point markiert hat und habe mich entweder selbst fotografiert oder mich (oder uns) fotografieren lassen. Mir fallen ein: Die Cardada hoch oberhalb von Locarno mit den wunderbaren schneebedeckten Gipfeln auf der anderen Seite des Lago Maggiore und ich im Vordergrund. Die barocke Stiftsbibliothek von St.Gallen mit mir vorne als Besucher des Weltkulturerbes . Die Promenade von Yaffo mit der Skyline von Tel Aviv im Hintergrund und mich als Tourist. Oder jener Punkt oberhalb des Toten Meers mit der Tafel «Sea Level» mit den Bergen von Edom auf der anderen Seite des Salzsees und vorne wir zu zweit. Erst vor kurzem habe ich amüsiert (und etwas herablassend, ich gebe es zu) zugeschaut, wie sich Herren um die 70  in schwarzer Ledermontur vor der Tafel des Albula Passes auf über 2000 Metern über Meer mit ihren schweren Maschinen selbst fotografieren oder fotografieren lassen. Man schafft Ferienbeweise, die man Freunden sofort vom Handy aus per SMS, WhatsApp oder Mail schickt. Schaut her: Da bin ich!

Ich habe diesen Bildern geglaubt. Bis zu dem Zeitpunkt, da ich selber mit einer coronatauglichen Mund-Nasenmaske neben Guido Baumgartner auf einem Selfie zu sehen war, auf dem hinter mir eine bedrohlich felsige Wand und ein Schneefeld zu sehen war. Wir beide blicken in die Kamera ohne Windjacken und ohne wärmende Mützen. Ein Gruss aus der alpinen Bergwelt. Ich könnte das Bild jetzt Freunden weiterschicken und darunter noch anfügen, es sei am Piz Jona aufgenommen worden.  Oder am Sommet de Rapp. Die Empfänger des Bildes würden sich wundern, sich überlegen, wo wohl diese Berglandschaft sei, ob in Graubünden oder im Wallis und sie würden den Kopf darüber schütteln, wie berg-untauglich wir beide bekleidet sind. Und nur ich und der Mann neben mir, der den Selfie Stick gehalten und den Auslöser betätigt hat, wüssten, dass das Bild im Museum Kunst(Zeug)Haus gemacht wurde im Rahmen der Ausstellung «weit», die die IG Halle Rapperswil durchgeführt hat.

Wir zwei wüssten es. Baumgartner, der Kurator der Ausstellung. Und Fotografin Dominique Teufen. Denn sie war es, die eine riesige Fotografie für die Ausstellung geschaffen hat, die sich von der hohen Decke des Museums bis zum Boden erstreckt und bei der das Publikum aufgefordert wird, sich vor der imposanten Bergkulisse fotografieren zu lassen. Selfie Point heisst eine runde Marke auf dem Boden vor der grossformatigen Fotografie. Und an einer Säule hängt ein Selfiestab zur freien Bedienung. Nur das Smartphone muss man selber beisteuern.

Künstlerin Dominique Teufen und Kurator Guido Baumgartner im Selfiebild

Man kann die in Zürich lebende Dominique Teufen gewissermassen auch als  Landschaftsfotografin bezeichnen. Eine Bildkünstlerin, die spektakuläre Bergfotos macht, ohne in die Berge hinausfahren zu müssen. Eine Publikation mit dem Titel «My travels through the world on my copy machine” versammelt eine grosse Zahl von Bergfotos, für die sie den renommierten «Prix HSBC pour la Photographie» bekommen hat. Der Preis, um den sich mehrere tausend Fotografierende beworben haben, wurde 2019 zwei FotografInnen verliehen. Dominique Teufen ist eine der beiden preisgekrönten Kunstschaffenden

Doch was hat es mit mit den Bergbildern auf sich, die nicht in den Bergen entstanden sind. Papierfetzen, Silberfolien, Wattefetzen, Staub und andere Materialien legt Domique Teufen auf der A 3 grossen Glasfläche einer Kopiermaschine. Sie ordnet sie, büschelt sie, schiebt sie und sortiert sie wieder neu, kopiert erste Resultate und ergänzt, verändert, gliedert das Material wieder und wieder neu zusammen, bis sie mit dem fotokopierten Bild zufrieden ist, es mit der Kamera abfotografiert, vergrössert und auf grössere Formate anpasst und ausdruckt. Jedes Bergbild ist das Resultat viel stündiger Arbeit, vieler Versuche, in denen Grautöne, Weissflächen, dunkle Schatten und Spiegelungen entstehen. Die Berge und Hügel, die Flusslandschaften und Uferpartien von Dominique Teufen entstehen auf die Glasplatte ihres Fotokopiergeräts und dann nochmals hinter den Linsen ihrer Kamera. Neue Landschaften, die es so nicht gibt und die doch existieren, sind da zu sehen. Die Künstlerin befragt unsere Vorstellungen von Landschaft, macht uns unsicher, zeigt auch, wie Wahrnehmung mit Erinnern und Vergleichen und mit Erfahrungen zu tun hat, sie nimmt uns Zuschauer auf innere Reisen durch ihre Landschaftswelt. Und mit der grossen Fotowand in der Ausstellung in Rapperswil zeigt sie uns, wie leicht man Feriengrüsse aus der Bergwelt in gefälschten Landschaften aufnehmen kann. In dem Buch, in dem eine grosse Zahl ihrer so entstandenen Bilder zu sehen sind, steht am Anfang und ganz diskret der Satz: «The illusion seems perfect. The mental journey into a believed reality has begun». Und die Titel ihrer Fotografien heissen auch konsequent naturnah. Zum Beispiel Rainday, Coastline, Cliff, Twilight, Canyon, Glacierlake, Fullmoon, Riverbed, Valley. 

Das Buch «My Travels through the world on my copy machine” ist erschienen bei Editions Xavier Barral. Die Ausstellung «weit» der IG Halle mit Werken von Tom Haller, Ruth Maria Obrist, Dominique Teufen, Gian Häne, Hans Thomann, Bernadette Gruber, Esther Mathis, Gilgi Guggenheim ist im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil bis zum 7. Februar 2021 zu sehen. 

Das grosse Bild: Gravepits, 2016,120 x 180 cm, © Dominique Teufen / Courtesy of Christophe Guye Galerie. Auf dem kleineren Bild ist Künstlerin Dominique Teufen mit Ausstellungskurator Guido Baumgartner zu sehen.  www.ighalle.ch

Eingeworfen am 15.1..2021

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