Gewollt unpräzis

Ein Bild aus der Ausstellung Kalkutta Schwarzweiss von Samuel Schütz

Autor: Michael Guggenheimer

«KALKUTTA SCHWARZWEISS– Träume, Geschichten und Bilder». So der Titel einer Buchpublikation und einer Ausstellung im Zürcher Volkskundemuseum. Thomas Kaiser und Samuel Schütz, die beiden Initianten, schreiben im Katalog: «Wir kannten einerseits das Klischee von Kalkutta als schwarzem Loch, einer Stadt der Slums, des Elends und Mutter Theresa, doch andererseits schilderten uns Freunde Kalkutta als die kulturelle Hauptstadt Indiens, als Schauplatz einer lebendigen Szene von Literatinnen, Kleinverlegern, Filmemachern und KünstlerInnen». 

Grund genug, um sich die Ausstellung anzuschauen. Welche Bilder würden die beiden Ethnologen uns im Westen zeigen?

Die erste Regung im Ausstellungssaal ist eine Enttäuschung. In einem Zeitalter, da man mit Smartphones gestochen scharfe Bilder machen kann, erlebt man eine grosse indische Stadt über stellenweise unscharfe Bilder, die mit sehr langsamen Verschlusszeiten entstanden sind. Es sind Fotografien, die der Zürcher Fotograf Samuel Schütz mit einer Lochkamera, einer Camera Obscura, aufgenommen hat. Arbeiten mit einer Lochkamera scheint in zu sein. Der Zürcher Tagesanzeiger veröffentlicht regelmässig Bilder, die Fotograf Urs Jaudas mit einer solchen Kamera aufgenommen wurden und mehr als Kunst denn Reportagenbilder daherkommen. Und die Bilder aus Kalkutta : Der Mann, der auf einem sich langsam bewegenden Boot steht und einen Fluss überquert, ist schemenhaft und doppelt zu sehen, die Wartenden an der Bushaltestelle sind unscharf, die Grenzen ihrer Umrisse sind undeutlich, vorbeifahrende Fahrzeuge sind mehr über parallele Bewegungsstriche zu erkennen. 

Die auf drei grossen Leinwänden vorbeigleitenden Bilder sind zum Teil 12 bis zu 20 Jahre alt und manchmal sehr körnig. Man sitzt im Ausstellungsraum, hört leise Musik und über zwei Tablets die Stimmen von Menschen, die ihre Träume erzählen. Thomas Kaiser, der Verantwortliche für die Audiosammlung des Völkerkundemuseums, befragte Bewohnerinnen und Bewohner von Kalkutta nach ihren nächtlichen Träumen. Während sie erzählen, läuft auf zwei Tablets die Übersetzung des Erzählten in deutscher oder englischer Sprache. Man wird so Teil eines fremden Alltags, einer fernen Kultur, von Gebräuchen, die man nicht kannte und sieht gleichzeitig die Bilder vorbeigleiten. Und überraschenderweise stellt man fest, dass die fehlende Schärfe einen nicht stört, an Gemälde erinnern, die man vielleicht in einem Kunstmuseum schon gesehen hat. Die unscharfen Bilder gewinnen sogar beim Zuhören. Sie sind Teil eines grösseren Vorhabens, in dem Fotografie, Musik, Stimmen, Erzählungen ein Ganzes bilden. Gewiss ungewohnt in einer Zeit, da man fotografische Perfektion erwartet. 

Fotograf Samuel Schütz und der Klangdokumentarist Thomas Kaiser haben während Aufenthalten in Kalkutta Bilder, Stimmen und Klänge aufgenommen. Schütz fotografierte mit seiner Lochkamera Strassenzüge, Kreuzungen, Werkstätten und Fährstellen; Kaiser befragte Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt nach ihren Träumen und Lebensgeschichten. Ausserdem dokumentierte er die Soundscape der Stadt: Strassenmusiker, fliegende Händler, religiöse Feiern, Strassenverkehr und das Krakeelen der allgegenwärtigen Krähen. Erst beim längeren Verweilen wird dem Besucher klar: Licht und Dunkel der Bildprojektionen im Ausstellungsraum, Klänge und Momente der Stille und die Stimmen von Menschen in Kalkutta, ersetzen gängige Klischees von einer Stadt durch Schattierungen, Zwischentöne und Bildern, die manches offen lassen. .

KALKUTTA SCHWARZWEISS ist bis zum 6. 12.2020 im Völkerkundemuseum der Universität Zürich zu sehen. Die Begleitpublikation kann im Museum bezogen werden. Foto:  Tolly Canal beim Kalighat Kali Temple, Kalkutta. Samuel Schütz.

Eingeworfen am 26.11.2020

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