Bilderserien

Ein alter schwarzer Peugeot 403

Autor: Michael Guggenheimer

Seit Jahren wächst meine Fotosammlung. Fast jeden Tag kommen neue Bilder hinzu. Mittlerweile sind es Abertausende. Und von jedem Bild weiss ich, wo es aufgenommen wurde. Oder ich meine, es zu wissen. Bilder vom Alltag. Meine Fotos sind Teile eines Bilder-Tagebuchs. Farbfotos, die unterwegs entstehen.

Wenn ich die Bilder anschaue, entdecke ich neben den Alltagsbildern Serien, die mit den Jahren entstanden sind, ohne dass mir bewusst war, dass ich immer wieder auch ähnlichen Motiven folge. Ich besitze eine grosse Fotoserie von Drehobjekten: Windräder, Windmühlen, Räder von Dampflokomotiven und Reifen von Traktoren, wuchtige Generatoren und Zahnräder aller Grössen. Ich habe eine grosse Folge von Fotos von lesenden Menschen, eine andere von Bibliotheken, eine von Treppenhäusern, eine von Oberlichtsälen in Museen und eine von Menschen, die im Museum Bilder betrachten sowie eine weitere von Geschäftsinschriften schön klingender Namen französischer Läden, eine von Motorrädern. Und es gibt noch weitere Serien. Nicht wenige. Eine zum Beispiel von alten Autos. Am leichtesten gelingen mir die Bildfänge von älteren Automodellen ausserhalb der Schweiz, dort, wo weniger Geld für den Kauf neuer Autos zur Verfügung steht. Oder auch dort, wo ausgefahrene Fahrzeuge am Strassenrand stehengelassen werden.

In Island waren es ausrangierte Land Rovers, verrostet und radlos am Rande eines kleinen Fischereihafens. Aber auch kraftlose Autos aus der ehemaligen DDR, alte Trabbis und Wartburgs, Kunststoffkarosserien, die auch im feuchten Klima nie rosten aber schäbig aussehen, wenn ihnen die Sitze, das Steuerrad, das Armaturenbrett und die Reifen abgenommen wurden. In Frankreich sind meine Lieblinge alte Citroën Typ H Kastenwagen, fahrende Wellblechschränke, die beim leisesten Seitenwind über Land kaum mehr richtig zu steuern sind. Ich habe mittlerweile eine ganze Bilderkollektion solcher Kastenwagen. Franzosen fahren ihre Autos aus. Oder es ist ihnen gleichgültig, wenn ihr Firmenfahrzeug oder ihr Privatauto alt aussieht oder sogar verbeult ist. Renault Dauphines und Méganes, Citroën ID und DS in allen Farben sind in meiner Sammlung vereint.

Auch alte Panhards, jene Personenautos, die fahrenden Badewannen gleichen, meist in hellblau oder weiss. Alte Renaults 4, alte Deux-Chevaux, Pegasus-Lastautos, Borgwards und schwarze tschechische Tatras habe ich gesammelt. NSU Ro 80, Karman Ghias in knalligem Orange und in schreiendem Rot. Meine besonderen Lieblinge sind alte Peugeots und Citroën DS Breaks. Ich weiss gar nicht, weshalb ich alle diese alten Autos fotografiere. Nostalgie? Freude an Formen, die heute auf den Strassen nicht mehr anzutreffen sind? Ja, das wird es sein. Ich möchte keines dieser Autos besitzen. Und ich muss sie nicht einmal selber fahren. Das Bild genügt. Und ich mag alle diese Bilder. Es ist wohl das Kind in mir, das sich an den Bildern freut und sich an Fahrzeugmodelle seiner Kindheit erinnert.

Eingeworfen am 23.10.2020

1 Kommentar

  1. Renate Amuat

    Auch ich weiss nicht, warum ich ab und zu ein mir auffallendes Auto fotografiere. Seit Jahren fahre ich nicht mehr selber und kenne jeweils nicht mal die Namen der Automarken. Dieses Auto stand im April dieses Jahres in Caslano auf einem akkurat angelegten Parkplatz, in einer Strasse, in der man nicht wohnen möchte…

    Antworten

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