Album der sächsischen Industrie

Ein Industriebau aus dem Angang des 20. Jahrhunderts

Autor: Michael Guggenheimer

Heute präsentieren sich Unternehmen mit ihren Homesites. Nicht lange ist’s her, da waren es gedruckte Firmenbroschüren, mit denen man einen Betrieb vorstellte. Und wie brachte man die eigene Firma vorher ins Gespräch? Verleger und Buchhändler Louis Oeser (1826 – 1885) etwa hielt Mitte der 1850er Jahre die aufstrebende sächsische Industrie in Lithografien fest. Seine Bilder bot er den dargestellten Unternehmen als Werbemittel zum Kauf an. Fabriken mit rauchenden Schornsteinen fügen sich in seinen Bildern harmonisch in die Landschaft ein. Die negativen Folgen der Industrialisierung in jener Zeit zeigten die Bilder nicht. 85 Bilder auf einer Wand. Unter jedem Bild eine Legende mit Angabe der Firma und der Adresse. So zeigten sich diese aufstrebenden Betriebe von einstmals an der 4. Sächsischen Landesausstellung BOOM im Herbst 2020 in Zwickau. 170 Jahre später gehen Fotografen im Osten Deutschlands im Gebiet zwischen Leipzig, Dresden, Chemnitz und Zwickau im Auftrag des Deutschen Werkbunds auf die Suche nach Industriekultur, die sie in wunderbar grossen Aufnahmen festhalten. «Industriearchitektur in Sachsen : erhalten- erleben- erinnern» heissen die Publikation und die Ausstellung im Haus der Kunstsammlungen Zwickau. Nicht wenige dieser Fabriken stehen seit Jahren leer, sind heute Industriedenkmäler. Eine ehemalige Strumpffabrik, eine Zwirnerei, ein ehemaliger Kornspeicher, eine Brikettfabrik, ein Kavernenkraftwerk, ein Zündholzwerk, eine Zuckerfabrik, ein Braunkohlewerk: Viele dieser Gebäude stehen leer, obschon sie architektonische Juwelen sind. Für manche werden neue Nutzkonzepte gesucht. Doch nicht alle können zu Kulturzentren umgestaltet werden. Man geht an ihnen vorbei, rätselt darüber, was sie einst gewesen sein könnten. Man hält an und fotografiert sie ebenso wie die Fotografen der Ausstellung, die anlässlich der Sächsischen Landesschau BOOM stattfindet. Zu wenige Menschen leben im Osten Deutschlands als dass man alle diese Fabriken in Wohnungen umgestalten könnte. Monumente der Industrialisierung, die in der Landschaft hochragen. Fotoobjekte eben. 

Eingeworfen am 23.10.2020

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