Das letzte Treffen

Drei Personen an der Uferpromenade des Adriakurortes Abbazia, dem heutigen kroatischen Opatija

Autor: Michael Guggenheimer

Sommer 1938. Zu dritt gehen sie der Uferpromenade entlang. Meine Grossmutter in der Mitte, mein Grossvater und mein Vater. Und sie wissen noch nicht, dass es ihr letztes Treffen ist. Sie haben wahrscheinlich den Promenadenfotografen darum gebeten, sie aufzunehmen. Ob sie sich für diese Aufnahme besonders schick angezogen haben? Mein Grossvater Julius Guggenheimer, Fabrikant in Augsburg, den ich nie gesehen habe, war damals 60 Jahre alt, Grossmutter Anna Sophie, geborene Brüll, dürfte ähnlich alt gewesen sein, ihr Geburtsdatum ist mir nicht bekannt. Mein Vater war aus Haifa mit dem Schiff nach Triest gekommen, seine Eltern mit der Bahn aus Augsburg. Getroffen haben sie sich im – damals italienischen – Ferienort Abbazia an der Adria, dem heutigen kroatischen Opatija. Vater hatte zwei Visa für seine Eltern dabei, eines für Kuba und eines für Südafrika. Fünf Tage lang waren sie in Abbazia. Mein Vater konnte die beiden nicht davon überzeugen, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Grossvater war davon überzeugt, ihm als Träger des Eisernen Kreuzes, der im Ersten Weltkrieg gedient hatte, werde in Deutschland niemals etwas zustossen. Ich bin Jahrzehnte später von Triest nach Opatija gefahren, bin dort der Uferpromenade, dem ehemaligen zwölf Kilometer langen Lungomare, entlang bis Louvran spaziert. Die Hotelkästen aus der Zeit der österreichischen Monarchie stehen immer noch, manche sind renoviert worden. Das Fotostudio Savoia, dessen Stempel auf der Rückseite der Fotografie zu sehen ist, gibt es nicht mehr. Am 7.3. 1943 haben meine Grosseltern in Augsburg Hand an sich gelegt. Sie hätten sich am nächsten Tag zum Abtransport in den Osten begeben müssen. Offenbar ahnten sie, was dort im Osten passieren könnte. Ich habe die beiden nicht kennengelernt. Geblieben ist dieses Bild sowie drei andere Fotografien, welche die Grosseltern in ihrer Wohnung zeigen und die erst 1951 in Augsburg aufgetaucht sind.

Eingeworfen am 23.10.2020

5 Kommentare

  1. Elisabeth

    Ein sehr schönes Bild und ein berührender Text. Gratuliere!

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  2. Rudolf Lutz

    Sehr berührend, das Bild, und der Text, als wäre es ein Roman in wenigen Sätzen

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  3. R.L.

    Schön, die Bilder und die Texte. Sie gefallen mir sehr; es ist so viel Raum drumherum.
    Und welch ein Zufall. Wir waren letzten Sonntag in Castasegna und sahen die Villa Garbald.

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  4. JJ

    Du bist Deinem Grossvater ein bisschen ähnlich, wie ich finde.

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  5. Pic

    Ein schönes Bild – und doch so traurig.
    JJ schreibt, dass Du dem Grossvater ähnlich siehst.
    Dünkt mich auch, aber ebenso der Grossmutter.

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