Aufgewachsen im Fotografenhaus

Lauter VW-Transporter einer Eisfirma stehen in Reih und Glied nebeneinander

Autor: Michael Guggenheimer

Jede grössere Stadt hat ihre Fotografen, deren Bilder im städtischen oder im regionalen Archiv lagern und ergänzendes oder gar Quellenmaterial für Historiker bilden. Immer häufiger durchforsten junge Historikerinnen und Historiker diese Archive, ordnen Negative und Vergrösserungen und veröffentlichen Bücher und veranstalten Ausstellungen, in denen der Stadt- oder Regionalgeschichte nachgegangen wird. Einer dieser äusserst aktiven Fotografen, die als Berichterstatter regionaler Medien tätig waren und so auch zu den Bildchronisten ihrer Region wurden, ist der Tessiner Vincenzo Vicari (1911-2007). Eine Ausstellung im Museo cantonale d’arte im Palazzo Reali in Lugano und eine Buchpublikation beim Verlag Scheidegger und Spiess zeigen Bilder, die im Archivio storico della Città di Lugano aufbewahrt werden. «Das Tessin im Wandel der Zeit» lautet der Titel der Ausstellung und des Buchs. Der Titel ist etwas hochgegriffen. Denn Vicaris Interesse galt – zumindest, das wird klar – eher der Stadt Lugano und ihrer Umgebung. So wichtige Phänomene wie der Pendlerstrom und die Industrie an der schweizerisch.-italienischen Grenze kommen in der Ausstellung wenig vor, ebenso die Geschichte des Locarnese. Auch wenn Vicari kein Meisterfotograf war, seine Bilder zeigen Aspekte der Wandels der Stadt Lugano und ihrer Nachbarschaft in den Jahren 1930 bis gegen 1990. Und das macht sein Oeuvre für spätere Generationen interessant. Vicari ist ein Chronist, der vom Beton der Strassenbrücken und der Wasserkraftwerke ebenso fasziniert ist wie vom Alltag der Menschen in Lugano. Wie sich die Autobahn in die Landschaft des Luganese einfrisst, wie ärmere Wohnquartiere der Stadt mit niederen Wohnbauten neuen vielstöckigen Banken- und Versicherungsburgen weichen müssen, wie sich die Inneneinrichtung und Angebote von Läden wandeln und wie Fachgeschäfte von früher, die es heute nicht mehr gibt, ausgesehen haben, lässt sich in Vicaris Bildern, die die Entwicklung zur grössten und wirtschaftlich stärksten Stadt des Tessins aufzeigen, gut sehen. Vicari dokumentierte mit seinen Bildern die Veränderung Luganos, ohne sich kritisch mit den Veränderungen auseinanderzusetzen. Mitunter sind seine Bilder witzig, so etwa, wenn er die Flotte der Fahrzeuge einer Glacéfabrik in Reih und Glied vor dem Alpenpanorama Luganos aufstellen lässt und fotografiert

Weil er nach der Lehrzeit als Fotograf in Lugano und nach Praktika bei Fotografen in Interlaken und Zürich im Rahmen seines Militärdienstes Fotograf beim Beobachtungsdienst der Schweizer Luftwaffe war, galt schon früh seine Faszination der Luftfotografie, anhand deren man deutlich die Entwicklung von Lugano sehen kann. An der ETH in Zürich erhielt er für eine Arbeit über Farbfotografie 1939 das Diplom als Meisterfotograf. Vicari ist in einem Haus aufgewachsen, in dem in den Jahren seiner Kindheit drei Fotoateliers nacheinander domiziliert waren. Ob diese frühen Begegnungen mit Fotografen seinen beruflichen Weg geprägt haben? Beim Fotografen Herbert Rüedi und dessen Frau Frieda, den letzten Inhabern eines Fotoateliers im Haus der Familie Vicari, lernte er jedenfalls das Handwerk des Fotografen. So sehr erfolgreich ist Vicari, dass er ab 1958 gleich drei Fotoläden, zwei in Lugano und eines in Balestra, besitzt. Mehrere Fotobücher Vicaris erscheinen mit der Zeit, so u.a. die Bücher «Ticino romantico», «Ed è un semplice lume – cento immagini del Ticino», «Lugano nostra» sowie «Ritrarre la luce». Im Jahr 1987 zieht sich Vicari vom Berufsleben zurück, ein Jahr später kauft die Stadt Lugano das Archiv seines Fotoateliers mit rund 300 000 Fotografien. Zehn Jahre später schenkt Vicari der  Gemeinde Caslano seine mit den Jahren gewachsene Sammlung von über 600 Fotoapparaten und Filmkameras.

Die Ausstellung im Palazzo Reali in Lugano dauert bis zum 10. 01.2021. Das Buch «Vincenzo Vicari, Fotograf, Das Tessin im Wandel der Zeit» ist im Verlag Scheidegger und Spiess erschienen. ISBN 978-85881-692-4

Eingeworfen am 18.9.2020

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