Tagebuch eines Fotografen

Am 13. März 2020, als die Welt wegen der Pandemie mit Namen Corona stillzustehen beginnt, kann der belgische Fotograf Stephan Vanfleteren Fotoaufträge im Ausland nicht mehr wahrnehmen. Seine grosse Ausstellung im Fotomuseum von Antwerpen wird geschlossen, an Aufträge ist für eine Weile nicht zu denken. Da ergeht es ihm nicht anders als anderen Fotografen, die für Zeitschriften und Bücher auf grossen Reportagenreisen unterwegs sein sollten. Vanfleteren sucht eine alternative Aktivität und beschliesst, jeden Tag zu wandern. Er nimmt seine Wanderungen auf: Jeden Tag wandernd in der Abenddämmerung unterwegs, manchmal mehrere Stunden lang. Tag für Tag. Bis der Lockdown gelockert wird, unternimmt er seine Wanderungen. Er sieht, wie der Frühling kommt, nicht anders als in den Jahren zuvor. Und doch anders. Kaum Flugzeuge am Himmel, wenige Autos unterwegs, die Welt ist stiller geworden. Der Fotograf sieht in dieser Zeit in seiner unmittelbaren Nähe genauer hin. Und immer hat er eine Kamera dabei, fotografiert und schreibt parallel seine Beobachtungen in ein Tagebuch, das zuerst im Smartphone mit der kleinen Tastatur entsteht. Als die Welt wieder erwacht, der Verkehr wieder zunimmt, hören seine Wanderungen auf. Und als der Sommer beginnt, liegt sein «Dagboek van een fotograaf» in den Buchhandlungen der Niederlande und Belgiens auf. Und obschon er in der Zeit seiner Wanderungen hunderte, nein tausende von Fotos aufgenommen hat, erscheint ein Buch ohne Bilder. Keine einzige Fotografie findet sich im Buch. Und doch ist das Buch voller Bilder. Es sind geschriebene Bilder, es sind Beschreibungen, von dem was der Augenmensch sah und man folgt als Leser diesen Bildern, sieht sie, obschon sie mit Worten und Sätzen daherkommen. Vanfleteren als Fotograf, der mit Sätzen seine Umgebung zeigt, beschreibt den Sand der Dünen, die Pappeln im Wind, die Reiher am Teich und den Vogelzug.

Der Lockdown hatte zur Folge, dass Stephan Vanfleterens grosse Fotoausstellung in Antwerpen geschlossen wurde, wochenlang nicht zu sehen war. Nach dem Lockdown wurde die Ausstellung verlängert und als das Tagebuch erscheint, wird eine Auswahl der neuen Bilder in der Ausstellung unter dem Titel Corona Walks im «FOMU, het Fotomuseum», in Antwerpen gezeigt. Obschon er keine Aufträge in der Zeit des Lockdowns bekam, war Vanfleteren in jenen Wochen beschäftigt, hatte – zunächst ohne es wirklich zu merken ein Projekt begonnen, bei dem er Fotos machte und Gesehenes in Sprache umsetzte. Fotograf Vanfleteren staunt, dass ein Fotobuch von ihm vorliegt, in dem kein einziges Bild zu sehen ist und dennoch Sprache Bilder evoziert, solche, die sich in den Köpfen der Leserinnen und Leser jeweils etwas anders präsentieren. Was sein Buch auch noch so schön macht: Man kann den Gedanken eines Fotografen bei der Wahl des Bildmotivs, beim Fotografieren folgen. Vanfleteren beschreibt nämlich, wie er fotografiert.

Stephan Vanfleteren (*1969) gehört zu den renommiertesten belgischen Fotografen. Seine Werke sind in mehreren Museen der Niederlande und Belgiens zu sehen. Vanfleteren fotografiert meistens in Schwarz-Weiss. Mehrere Fotobücher Vanfleterens sind in den letzten Jahren erschienen. Hochgelobt wurde sein spektakuläres Fotobuch über die Bunker des Zweiten Weltkriegs am Atlantikwall, die von den Deutschen im Weltkrieg von Norwegen bis nach Frankreich erbaut wurden. Jeden einzelnen Bunker hat er aufgespürt und fotografiert. Ausgerechnet einen Bunker hat er dabei übersehen, es ist eines nicht unweit von seinem Wohnsitz, den er erst bei seinen Coronawanderungen entdeckt hat. Seine grosse, 400 Fotos umfassende, Retrospektive mit Titel PRESENT, die während des Lockdowns nicht gezeigt werden konnte, wurde verlängert und dauert bis zum 19. September 2020. Seine neue Ausstellung «Corona Walks» findet wie PRESENT im FOMU Antwerpen statt.

Dagboek van een fotograaf: coronawandelingen
Stephan Vanfleteren
Amsterdam : Bezige Bij, 2020
ISBN 978-94-031-9920-7

Eingeworfen am 18.9.2020

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