Das Bild von den Küchentüchern

Die kleine blaugestrichene Holzbaracke im Garten vor dem einstöckigen Haus dient den beiden jungen Männern als Büro. Sitzen kann hier nur einer gleichzeitig, der zweite muss jeweils im Haus Wache schieben. S+B Security ist auf ihren Hemdkragen gestickt, der eine stammt aus Usbekistan, er ist vor acht Jahren in Israel angekommen, der andere aus Tadschikistan, er lebt seit 12 Jahren in Tel Aviv. „Nehmen Sie Ihre Kamera ruhig mit“, sagt Ephraim, der in Buchara aufgewachsen ist. „Aber den Rucksack müssen Sie bei mir lassen, Sie könnten sonst irgendeinen Gegenstand in einem der Zimmer aus Versehen streifen und beschädigen“.

Es ist David Ben Gurions Stadthaus, das die beiden bewachen. Hier lebte der erste Ministerpräsident Israels. Im Erdgeschoss kann David und Paula Ben Gurions Küche besichtigt werden. Die Wände sind grün gestrichen. Die Saftpresse steht noch da, ein blaues und ein rotes Küchentuch hängen neben dem Doppelwaschbecken. Ob Ben Gurions wohl koscher gegessen haben? Ob sie das blaue Tuch für das milchige Geschirr und das rote für das fleischige Geschirr verwendet haben? Fromm sieht der Mann auf den Fotos nicht aus. Der kleine, längliche Küchentisch ist für eine Person gedeckt, David Ben Gurion könnte jeden Moment aus der Dusche im Badezimmer kommen, um hier sein Frühstück zu essen, Paula starb wenige Jahre vor ihm, deshalb also bloss noch ein Gedeck. Auf dem Frühstückstisch liegt die geöffnete Tageszeitung ‚Dawar’ vom 23. April 1958 unter Glas. Ben Gurions hatten getrennte Schlafzimmer. Ein Zimmer im Erdgeschoss wird dem Staatsmann als Mittagsschlafzimmer gedient haben. Im Prospekt, den die beiden Männer von der S+B Security den Besuchern überreichen, ist zu lesen, dass das Haus nach dem Tod von Ben Gurion der Öffentlichkeit unverändert zugänglich gemacht wurde. Im Siestazimmer hängt eine kolorierte Landkarte der Niederlande aus dem 18. Jahrhundert, ein Geschenk von Josef Luns, dem früheren niederländischen Ministerpräsidenten, das Ben Gurion anlässlich eines Besuchs in Den Haag 1960 erhalten hat. David Ben Gurions alter Personalausweis in einer Vitrine weist einen Mann aus, der bloss 160 Zentimeter gross war.

Im ganzen Haus hängen Fotos vom Staatsmann mit seiner markanten weissen Haartracht, die so aussah, als hätte er zwei Flügel auf dem Kopf. Ben Gurion mit Adenauer. Ben Gurion mit Präsident Truman. Ben Gurion mit Eisenhower. Ben Gurion mit John F. Kennedy. Ben Gurion mit Nixon. Ben Gurion mit Königin Juliana der Niederlande. Ben Gurion mit König Baudouin, Ben Gurion mit Dag Hammerskjöld. Geschenke in allen Räumen: Ein Elefantenzahn aus Liberia, ein Wasserkrug in Silber aus Italien, ein Silberteller mit Widmung aus Schweden, ein Weinkelch mit Aufschrift. Alles ist noch da. Sogar Ben Gurions Schweizer Markenuhr und sein Füllfederhalter der Marke Parker sind ausgestellt. Ob die Tinte, königsblau im Parker Quink Fässchen, seit seinem Tod 1973 immer noch dieselbe ist?

Im ersten Stockwerk ist Ben Gurions Bibliothek untergebracht. 20 000 Bände umfasst sie laut Hausbeschrieb. Ben Gurion scheint sich für die Geschichte des Judentums genauso interessiert zu haben wie für die Geschichte Chinas, für die Geographie der USA, für den Islam, den Buddhismus, die griechische Mythologie, für Fragen der Ökonomie und für die sozialistische Bewegung. Ernest Jones’ Biographie von Sigmund Freud ist ebenso da wie 6 Bände „Collected Papers“ und „La Science des Rêves“ von Freud. Vokabelhefte, in denen Ben Gurion handschriftlich spanische Verben konjugiert hat, sind in den Schaukästen ausgestellt daneben Kinseys „Sexual Behaviour of the Human Male“ in einem Bücherregal. Im Erdgeschoss neben dem Kamin steht eine blaue Gartenschaufel, die vielleicht darauf hinweisen soll, dass der Mann sich auch um praktische irdische Sachen gekümmert hat. Ich mache einen zweiten Rundgang durch das 1931 erbaute Haus. Beim zweiten Durchgang sehe ich in der Küche die beiden Handtücher in blau und rot nochmals, sie hängen vielleicht seit 1973 immer noch zum Trocknen da, worauf ich mich entschliesse, eine Fotografie von ihnen zu machen. Zwei Küchentücher als Erinnerung an den kleinen grossen Staatsmann.

Eingeworfen am 18.9.2020

2 Kommentare

  1. Urs Faes

    Innovatives Erzählen: eine Begegnung von den Handtüchern her erzählen, ein Dialog von Tuch zu Tuch in Tuchfühlung.

    Zu solchen Ideen regt Filmwurf an. Ein Geschenk.

    Antworten
  2. Wolfgang Straub

    Es ist schön,, mit welcher Präzision du ausgehend von so konkreten Dingen wie den Küchenhandtüchern Geschichten erzählst, Reflexionen und Persönliches einfliessen lässt!

    Antworten

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