Fotos schiessen

Im Februar 1961 lädt Künstlerin Niki de Saint Phalle Freunde und Kunstkritiker zu einem «Painting-Shooting» ein: Die Gäste können sich eine Waffe nehmen und auf Paneele der Künstlerin schliessen. «Feu à volonté» heisst eine etwas später stattfindende Ausstellung, an der die Bildtafeln mit ihren Einschusslöchern zu sehen sind. Die beiden Künstler-Fotografen Shunk und Kender halten die Aktion fotografisch fest.

Gewehrschüsse und Kunst waren bereits vierzig Jahre zuvor, wenn auch etwas anders, praktiziert worden: In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg tauchte eine kuriose Attraktion auf den Jahrmärkten auf: der Fotoschuss. Traf ein Schütze in die Mitte der Zielscheibe, löste er eine fotografische Apparatur aus, die ihn in voller Aktion als Schütze festhielt. Wer traf, erhielt sein Porträt mit Gewehr beim Schiessen. Ria van Dijk aus Tilburg in Holland ist die wohl berühmteste Person, die Portraits an einem Fotoschiesstand schoss. Zum ersten Mal 1936 im Alter von 16 Jahren. Seither hat sie sich fast jedes Jahr an Jahrmärkten fotografiert. Nur in den Jahren des Weltkrieges musste sie passen, Schiessbuden waren damals nicht erlaubt. Eine Sammlung von Erik Kessels unter dem Titel „in almost every picture“ zeigt sie beim Schiessen und wie sie älter wird. Noch im Alter von 90 Jahren besuchte sie Jahrmärkte und bewies ihr grosses Können als zielsichere Fotografin mit der ruhigen Hand. Ich habe versucht, an einem Stand mit dem Gewehr ein Bild von mir zu schiessen. Ohne Erfolg. Fotografin Naomi Leshem hat festgehalten, wie ich mich erfolglos als Fotograf versuche.

Eingeworfen am 20.6.2020

2 Kommentare

  1. Arthur Spirk

    So erwünscht der treffende „Schuss“ mit der Fotokamera ist, der treffende Gewehrschuss trifft allzu leicht übers Ziel hinaus, selbst im Fall von Selbstverteidigung. Tröstlich also, dass der Selbstversuch erfolglos geblieben ist. Allerdings kann selbst ein Fehlschuss fatale Folgen haben. Vielleicht sind Gewehre nie die bessere Wahl – ausser es bleibt gar keine.

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  2. Urs Faes

    Die Geschichte von Niki ist besonders schön: erst zum Gewehr greifen und dann einen Engel hinterlassen, der uns alle beschützt, wenn wir durch die Bahnhofhalle gehen. Mit dieser Geschichte werde ich fortan auch einen Knall hören und wissen Kunst, auch Fotokunst trifft immer ins Schwarze, auch wenn sie Lärm macht. Oder nur leise schwebt: engelrein und knallbunt. Oder schlafend still: wie Naomis Sleepers, die ins Schwarze der Nacht schweben und träumend aufschrecken: im Knall des Morgens.

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