SUBITO – Das Sofortbild von Polaroid

Der Filmer und Fotograf Wim Wenders

Autor: Michael Guggenheimer

Abdrücken, warten, in die Hand nehmen und staunen: Das war die Ära der Sofortbildkameras, die seit geraumer Zeit wiederkommt. Ars-Imago, der Shop für analoge Fotografie in Zürich, bietet diverse Polaroidkameras an. Und an Filmen mangelt es heute nicht, auch wenn sie nicht mehr von Polaroid hergestellt werden. Polaroid, die Kamera des amerikanischen Physikers und Tüftlers Dr. Edwin Land, prägte Generationen von Künstlerinnen und Knipsern. Im Jahr 1947 stellte Land auf der Versammlung der Optical Society of America einen neuartigen Kameratyp, die „Land camera“ vor, eine Kamera, mit der man kurz nach der Aufnahme ein fertiges Positivbild entnehmen konnte. Die eigentliche revolutionäre Neuerung lag im dazugehörigen Film: Erstmals kam ein Schnell-Entwicklungsverfahren zum Einsatz, das noch an Ort und Stelle innerhalb von 2 bis 3 Minuten das belichtete Negativ auf ein Positiv übertrug. Schon einige Monate später kamen die Schwarzweissfilme für die neue Kamera auf den Markt, 1963 wurde der Polacolor genannte Farbfilm lanciert. So kennen ältere Fotografen Polaroid: Ein Bild, das durch seine typische Farbigkeit und den weissen Bildrahmen definiert ist. Jedes Bild ist ein Original, eine nur einmal vorhandene Aufnahme, ein Unikat. Vor dem Aufkommen der Handyfotografie waren Polaroidbilder Kultobjekte. Polaroid begeisterte nicht nur Amateure, sondern auch professionelle Fotografinnen und Künstler wie Andy Warhol, Ansel Adams und Filmer Wim Wenders (im Bild). Wenders Begeisterung für Polaroid ging so weit, dass er Polaroidfotos 1974 in seinem Film «Alice in the Cities» einsetzte. Und von Warhols Wohnzimmer gibt es eine wunderbare Fotografie von Evelyn Hofer, ein Stilleben, auf dem Warhols Sondermodell einer «Polaroid Portrait Land Camera» zu sehen ist. Sie liegt neben einem grossen Spiegel auf einer alten Kommode und wirkt so als hätte ein Maler des niederländischen 17. Jahrhunderts die Fotografie zu Ehren der Polaroidkamera des Künstlers gemalt.

Ende 2008 wurde ein Insolvenzverfahren gegen Polaroid eröffnet. Die Firma Impossible übernahm die ehemalige Polaroid-Filmfabrik in holländischen Enschede und begann Filmmaterialien für die traditionellen Sofortbildkameras zu produzieren. Einen wunderbaren Fotoessay über Polaroid und die Sofortfotografie hat der Schweizer Dokfilmer Peter Volkart gedreht. Werk- und Werbefilme, Interviews mit Polaroidexperten, nachgestellte Szenen und ein toller Soundtrack. 77 Minuten spannendes Kino für Fotofreaks, Nostalgiker und Kunstfreunde. Historisches Bildmaterial – bewegt wie unbewegt – fügt Volkart zu einer Collage zusammen, gibt ihr einen passenden tonmalerischen Rahmen und lässt Menschen zu Wort kommen, in deren Leben und Laufbahn die Sofortbildkamera ein wichtiger Begleiter war und ist. Der Regisseur lässt die wissenschaftliche Komponente nicht aus – es will die Gesamtheit der Instantfotografie erfasst werden. Volkart erzählt, wie es überhaupt zur Idee dieser damals revolutionären Kamera kam: Edwin Land machte im Urlaub ein Foto von seiner Tochter. Diese wollte das Bild sofort sehen. Das ging 1943 noch nicht. Mit ihrer Ungeduld hat ihn seine Tochter auf die Idee der Sofortbildkamera gebracht. Der Film SUBITO – Das Sofortbild. (Reck Filmproduktion) ist als DVD erhätlich.

Eingeworfen am 20.5.2020

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Immer schon weiter

Immer schon weiter

Es gibt ein Bild von uns beiden. Mein amerikanisches Fahrrad, darauf meine Schwester und ich. Sie sitzt auf dem Sattel...

Filmisch das Glück festhalten

Filmisch das Glück festhalten

In ihrem 2015 fertiggestellten Film «Das Leben drehen. Wie mein Vater versuchte, das Glück festzuhalten» hat die...