Von den Lederwaren zur Modefotografie

Es ist erstaunlich, wie gross die Anzahl aus Deutschland exilierter Fotografinnen und Fotografen ist, die bereits während des Weltkrieges und nachher in ihren neuen Heimatländern Bekanntheit, manchmal auch Berühmtheit, erfahren haben. Zu den ganz grossen Fotografen jener Generation gehört zweifellos Erwin Blumenfeld. Eigentlich hatte der aus Berlin stammende ehemalige Damenkleiderverkäufer ein – eher schlecht denn recht gehendes – Lederwarengeschäft an der Amsterdamer Einkaufsstrasse Kalverstraat. Bis er 1932 in einem Anbau seines Ladens ein komplett eingerichtetes Fotolabor entdeckte. Da begann er, Kundinnen zu fotografieren, zeigte die Fotografien im Schaufester seines Ladens und entschloss sich, die Fotografie zum Beruf zu machen. Über eine Ausbildung zum Fotografen ist in seinem Fall nichts bekannt. Der auch zeichnerisch begabte Blumenfeld war schon früh in Kontakt mit zahlreichen Künstlern, 1935 konnte er erstmals Fotografien in einer Ausstellung zeigen, an der auch so bekannte Künstler wie Man Ray, George Grosz, László Moholy Nagy und Kurt Schwitters ihre Arbeiten zeigten. In seiner wunderbaren Autobiografie unter dem Titel «Durch tausendjährige Zeit» (erschienen 1976 bei Huber Frauenfeld) beschreibt er, der trotz oder gerade wegen seiner USA-Zeit eine witzig-kreative deutsche Sprache entwickelte, die vielen Stationen seines Lebens von seiner Berliner Kindheit über die Zeit in Holland, über seine Zeit in deutschen Lagern in Frankreich bis hin zu seiner Emigration in die USA im Jahr 1942, wo seine grosse Karriere als Mode- und Aktfotograf erst recht begann. Exilforscher Martin Dreyfus erinnert sich: «Es war dem „Spürsinn“ des Schweizer Verlegers Peter Keckeis zu „verdanken“ dass Blumenfelds Buch bei Huber erschienen ist und wohl auch dem Umstand dass sich zu dieser Zeit kein anderer (deutscher) Verlag „traute“ dieses Buch herauszubringen. Schriftsteller Alfred Andersch hat sich damals sehr für das Buch „stark“ gemacht. Es war aber „wirtschaftlich“ leider dennoch damals kein Erfolg. Eine zweite Auflage blieb „liegen“ … und erst rund zehn Jahre später wurde Blumenfeld auch mit Ausstellungen bekannter. Blumenfeld gehörte zu den bestbezahlten Modefotografen der USA, dessen Fotografien in „Harper’s Bazaar“, „Vogue“, „Life“, „Cosmopolitan“ publiziert wurden. Seine Frauenporträts – u.a. von Marlene Dietrich, Grace Kelly und Audrey Hepburn und zahlreichen bekannten Models – erlangten Berühmtheit. Blumenfelds Enkelkinder haben eine Site im Internet eingerichtet, die der Biografie und dem Werk des Fotografen gewidmet ist. https://erwinblumenfeld.com/  (Bild: fashion.telegraph). Bei der Edition Stemmle ist ein prächtiger Bildband zu Blumenfelds Oeuvre erschienen: A fetish for beauty. Blumenfeld. Sein Gesamtwerk 1897-1969» herausgegeben von William A. Ewing, dem früheren Direktor des Musée de l’Elysee in Lausanne. Ursprünglich erschienen in englischer Sprache bei Thames and Hudson, Ltd., London

Eingeworfen am 13.5.2020

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Unterwegs mit Ayse Yavas

Unterwegs mit Ayse Yavas

«Was, Ayse Yavas fotografiert dich? Welch’ eine Ehre». Das war die Reaktion einer Kollegin, als ich ihr erzählte, dass...

Der indirekte Blick

Der indirekte Blick

Schauspieler Harald Krassnitzer, Wiener Tatort-Chefinspektor Moritz Eisner, der mit seiner Kollegin Bibi Fellner...

Orte des Abschieds

Orte des Abschieds

Lange war solide Architekturfotografie das Arbeitsgebiet von Naomi Leshem. Innenaufnahmen von Wohnbereichen und...