Der genaue Blick

Meine Kamera war lange Zeit auch mein Tagebuch. 1990 habe ich ein Jahr lang jeden Tag ein einziges Bild gemacht und zu jedem Bild einen Text geschrieben. Das war im analogen Zeitalter, als ich noch auf meine Tagesbilder mehrere Tage warten musste, bis Fotografin Brigitte Weibel an der Stadelhoferstrasse in Zürich meinen Film entwickelte und die Vergrösserungen machte. Die selbstauferlegte Beschränkung, jeden Tag eine einzige Fotografie zu machen, war nicht leicht. Ich gebe zu, manchmal habe ich mehr als ein Bild gemacht. Aber ich sagte mir, dass die zusätzlich gemachten Bilder «nicht gelten». Ich habe jahrzehntelang immer eine Kamera in meiner Schultertasche am langen Riemen dabeigehabt. Tag für Tag. Heute ist mein Smartphone in der Hosentasche stets dabei. Die grosse Kamera kommt nur noch im Rucksack auf Wanderungen mit oder bei geplanten Stadtwanderungen, wenn ich Architektur fotografieren will. Und ich muss heute nicht mehr auf meine Bilder warten. Dieses Bangen, ob die Bilder auch wirklich gut geworden seien, gibt es nicht mehr. Shmuel Dvir, Kioskverkäufer von der Ben Yehuda Street in Tel Aviv, bei dem ich bei jedem Besuch mein Exemplar der Tageszeitung Ha’aretz hole und den ich alle paar Jahre fotografiere, hat früher Schweizer Uhren nach Israel importiert. Seinen Uhrenladen hat er aufgeben müssen. Seinen Blick für Uhren und Kameras hat er behalten. Als ich das letzte Mal wieder bei ihm vorbeischaute, fragte er, wo denn meine «Ingenieur» sei und weshalb ich jetzt eine DS 2 trage. Und als ich ihn wieder in seinem Zeitungskiosk wieder fotografieren wollte, fragte er, ob ich meine grosse schwarze Kamera denn verloren hätte.

Eingeworfen am 13.5.2020

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