Vom Polizeifotograf zum königlichen Hoffotografen

Eine Prozession. Kahlgeschorene Frauen werden in Amsterdam vorgeführt, sie haben mit den Deutschen im Krieg kollaboriert

Autor: Michael Guggenheimer

Mehrere Jahre lebte der niederländische Fotograf Willem van der Poll (1895-1970), der zu den bekanntesten Fotografen seiner Heimat zählt, in Ascona. Dort befand sich auch sein immenses Fotoarchiv, das er aus Holland in die Schweiz überführen liess. Van der Poll wurde zuerst Polizist in Amsterdam, erlernte dann das Handwerk der Fotografie an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, arbeitete zunächst als Polizeifotograf in Wien. Und wurde nach seiner Rückkehr nach Amsterdam Hollands bekanntester Fotoreporter, der auch längere Texte zu Bildern aus Osteuropa dem Nahen Osten und den niederländischen Antillen in Zeitschriften in Holland und Deutschland veröffentlichte. Vor dem Zweiten Weltkrieg fotografierte er – ähnlich wie der amerikanisch-russische Fotograf Roman Vishniac jüdische Wohnquartiere in Warschau. Gegen Ende des Krieges arbeitete er für die holländische Exilregierung und hielt mit seinen Bildern den Alltag in Holland am Ende der deutschen Besetzung fest. Aus dieser Zeit stammt eines seiner bekanntesten Bilder mit dem Titel «Moffenmeiden» aus dem Jahr 1945 von den (zur Strafe) kahlgeschorenen jungen holländischen Frauen, die der Kollaboration mit den Nazis beschuldigt wurden und durch die Strassen gezogen und blossgestellt wurden. Von van de Poll stammen aber u.a. auch ganz frühe Aufnahmen des durch die Engländer befreiten KZ Bergen Belsen, die (1946) in einer schmalen Broschüre herausgekommen sind. Durch seine Arbeit für die Exilregierung kam es zu Kontakten zum niederländischen Königshaus. Van der Poll begleitete zunächst Prinz Bernhard auf dessen Reisen durch die befreite Niederlande und wurde dann zum königlich niederländischen Hoffotografen. Er begleitete Königin Juliane und Prinz auf ihren Ferienreisen und machte in jener Zeit Fotos der Prinzessinnen beim ungezwungenen Spielen, die in holländischen Zeitschriften grosse Verbreitung fanden. Nach Kriegsende begann sich van der Poll für den neuen Staat Israel zu interessieren, wo er tausende von Bildern aufnahm, von denen sich nicht wenige auch mit dem Schicksal der Palästinenser auseinandersetzen. Im Alter zog er nach Ascona. Sein riesiges Bilderarchiv blieb nach seinem Tod mangels Beziehungen zur Schweiz nicht in Ascona und wurde 18 Jahre nach seinem Tod nach Holland dem Nationalarchiv in Den Haag übergegeben. (Dank an Martin Dreyfus mit seiner Bibliothek zur Exilliteratur, Zürich, für seine Angaben)

Eingeworfen am 30.4.2020

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Immer schon weiter

Immer schon weiter

Es gibt ein Bild von uns beiden. Mein amerikanisches Fahrrad, darauf meine Schwester und ich. Sie sitzt auf dem Sattel...

Filmisch das Glück festhalten

Filmisch das Glück festhalten

In ihrem 2015 fertiggestellten Film «Das Leben drehen. Wie mein Vater versuchte, das Glück festzuhalten» hat die...