Sich eine Fotografie vorstellen

Eine alte Kamera auf einem Stativ

Autor: Michael Guggenheimer

«Ich bin noch nie in einer fotografie gewesen….ich weiss nicht soll ich fröhlich schauen oder ernst». Das ist die Stimme eines jungen Schülers im Buch «Schiefern», in dem ein Fotograf einer Klasse gegenübersteht und ein Klassenbild aufnimmt. Lyrik und kurze Kurzprosa. Die deutsche Autorin Esther Kinsky hat die schottischen Slate Islands bereist. Hier wurde während Jahrhunderten in Steinbrüchen Schiefer abgebaut. Schiefertafeln dienten in Grundschulen als Schreibfläche. Drei Fotografien in Schwarz-Weiss weist das Buch auf. Wahrscheinlich von der Autorin aufgenommen. Im Mittelteil ihres Buches macht Kinsky die Stimmen von 36 Kindern und einem Fotografen hörbar, die sie auf einer alten Schulfotografie entdeckt hat. Das Bild indessen müssen wir uns vorstellen, im Buch findet es sich nicht. Ob die Autorin dieses Bild bloss imaginiert hat? Sie schreibt: «Eine schulfotografie von den schieferinseln, früher: sechsunddreissig kinder: zwei lehrerinnen, ein schulmeister. An die sandsteinige einfassung des schultores gelehnt: der sandstein körnig». Und weiter: «die mädchen in schürzen, weiss und schwarz, die besseren knaben mit weissen krägen: die mädchen in der ersten reihe halten die arme vor dem bauch verschränkt und über den verschränkten armen blicken sie mit argwohn ins auge des fotoapparats». Vor uns Lesern entfaltet sich eine Fotografie, die im Buch nicht ist, ein Bild, das bloss aus Sprache entsteht und beim Lesen immer dichter wird. Ein imaginiertes Bild. Die Stimmen der 36 Schulkinder, die den Fotografen anblicken, sind wohl das intensivste Kapitel von Kinskys Buch. Jede Kinderstimme in vier Zeilen, typografisch streng gelöst, jedes Kind erzählt eine Episode. Schafe und Katzen, Hunde, Glitzersteine und eine Murmel kommen in den Erzählungen der Kinder vor. Die Armut auf den Hebriden im Zeitalter der Industrialisierung wird sichtbar. Ein Kind berichtet, dass es heute ausnahmsweise Schuhe anziehen darf, der lange Schulweg eines anderen führt über den unruhigen Sund.

Eingeworfen am 17.4.2020

1 Kommentar

  1. ein interessantes motiv: fotografien in worte zu fassen, nicht abzubilden. in unserer immer stärker bilder-kommunizierenden zeit eine besondere herausforderung. ich hätte die autorin aber überm manuskript doch gern gefragt, ob sie nicht zu schlicht psychologisiert bei dem wörtchen „argwohn“. – auf schulfotografien mussten „wir“ ja die luft anhalten und stillstehen – wenn ich dem erinnerungsbild glaube, das diese nicht abgebildete fotografie in mir aufgerufen hat 😉

    schöner text!

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Immer schon weiter

Immer schon weiter

Es gibt ein Bild von uns beiden. Mein amerikanisches Fahrrad, darauf meine Schwester und ich. Sie sitzt auf dem Sattel...

Filmisch das Glück festhalten

Filmisch das Glück festhalten

In ihrem 2015 fertiggestellten Film «Das Leben drehen. Wie mein Vater versuchte, das Glück festzuhalten» hat die...