Siemssens. Porträtfotografen

Es gibt eine Aufnahme, auf der mein Vater im Alter von etwa zwei Jahren auf einer Kommode sitzt und etwas angstvoll in die Kamera lugt. Aufgenommen wurde das Bild im Photoatelier Graf Siemssen in Augsburg. Zweiundzwanzig Jahre später fertigte Gustav Adolf Walther Siemssen ein Porträtbild des jungen Bankangestellten bevor mein Vater rechtzeitig (und sehr früh) Deutschland für immer verliess. Beide Bilder im bräunlichen Chamois wurden im Hinterhaus der Bahnhofstrasse 10 aufgenommen, auf beiden ist der Name des „Königlich Bayerischen Hofphotographen“ mittels einer Prägung in Braun vermerkt. 65 Jahre später begegnete mir bei einem Spaziergang durch Augsburg die Fassade des Fotoateliers. Welch‘ schöne Schrift! Eine Futura? Ich weiss es nicht. Aber es ist klar, sie wurde nach dem Krieg neu angebracht. Denn Siemssen Vater und Sohn waren noch Photographen und nicht Fotografen. Der Beyerische König Ludwig III , nach dem mein Vater benannt wurde, war dem Gründer des Ateliers beim Erwerb der Liegenschaft behilflich. Siemssens waren Augsburgs gefragteste Porträtfotografen. Aber auch die Architektur der Fuggerstadt fotografierten Vater und Sohn intensiv. 4000 Fotoplatten und über 10 000 Negative des Studios sind noch erhalten und im Besitz der Kester-Haeusler-Stifung. In einem Haus nebenan nahmen sich meine Grosseltern sowie zwei weitere Ehepaare im März 1943 in einer sog. Judenwohnung das Leben. Eine Aufnahmenserie der beiden nahm Siemssen in deren grossbürgerliche Wohnung an der Beethovenstrasse auf. Spätere Bilder der beiden sind nicht erhalten.

Eingeworfen am 8.6.2019

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